Reaktionen : "Es ist legitim, die Blockade friedlich zu durchbrechen"

Mit Bedauern und Entsetzen reagieren israelische Intellektuelle auf die Militäraktion gegen die Gaza-Hilfsflotte. Zugleich stellen sie Fragen nach dem Sinn des Angriffs, der Blockade des Gazastreifens und Israels Ansehen in der Welt.

Igal Avidan

Der renommierte Dramatiker Joshua Sobol, dessen Theaterfassung Jud Süß in diesem Jahr bei den Nibelungen-Festspielen in Worms aufgeführt wird, kritisiert den internationalen Gaza-Schiffskonvoi. "In dem Moment, in dem sich die Organisatoren weigerten, Briefe für den nach Gaza entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit mitzunehmen, war dies für mich keine humanitäre Aktion mehr, sondern eine politische Provokation", sagt er. Sobol behauptet, es gebe gar keine Belagerung des Gazastreifens. "Täglich bringen Lastwagen zehnmal so viele Güter dorthin wie alle Schiffskonvois zusammen. Die Türkei kann Israel keine Moral predigen, denn sie hätten ein armenisches Schiff mit Aktivisten, die an den armenischen Völkermord erinnern würden, gleich versenkt, falls es ohne Genehmigung türkisches Gewässer erreicht hätte". Er wünschte dennoch, dass die Militäraktion nicht zu Spannungen zwischen israelischen Juden und Arabern führt.

Ganz anderer Ansicht ist der Schriftsteller Nir Baram, der in den letzten Tagen in Berlin an den dritten deutsch-israelischen Literaturtagen (Goethe-Institut und Heinrich-Böll-Stiftung) teilgenommen hatte. "Der Vorfall überrascht mich nicht, den er betont das Problem der israelischen Gesellschaft. Hier glaubt man in den letzten Jahren, alle Probleme zuerst mit Militärmacht lösen zu können", sagt der junge Autor des Romans "Der Wiederträumer", der bereits 2006 eine Aktion junger Schriftsteller gegen den Libanonkrieg mitorganisierte. "Mich besorgt viel mehr die israelische Gesellschaft, die immer unmoralischer, xenophobischer und paranoider wird, als das Image Israels in der Welt. Linken Aktivisten und Menschenrechtlern wird die Legitimität abgesprochen, ihre Kritik frei zu äußern. Die rechtsgerichteten Gruppen setzen die arabische Minderheit zunehmend unter Druck und Israel mauert sich ein. Die praktische Lösung ist eine neue linke Bewegung, die einen demokratischen Diskurs in Gang setzt und die Chancen für eine Zwei-Staaten-Lösung ergreift".

Dieses Ziel verfolgt auch der arabisch-israelische Publizist Nazir Magali, der 2003 zusammen mit jüdischen und arabischen Israelis eine Versöhnungsreise nach Auschwitz mitorganisierte. "Ich liebe sowohl mein Volk, die Palästinenser, als auch meinen Staat Israel", sagt er. "Ich kritisiere sowohl die israelische Führung als auch die Hamas, die die Versöhnung nicht fördern. Die Gaza-Blockade ist eine Dummheit und verletzt die Menschenrechte der Menschen in Gaza. Es ist legitim, diese Blockade zu durchbrechen, aber nur mit friedlichen Mitteln".

Der arabisch-israelische Schauspieler Yousef Sweid, in Deutschland bekannt durch die Theaterstücke "Plonter" und "Dritte Generation" sowie die Filme "Walk on Water" und "The Bubble", fordert ein Ende der Gaza-Blockade: "Die Gewalt verschlechtert die Situation hier. Wir brauchen hier eine drastische Veränderung und mutige Politiker von beiden Seiten". Sweid ist froh, beim neuen Theaterstück "Romeo und Julia" eine Zuflucht vor dem Nahostkonflikt finden zu können, "obwohl es auch dort um die korrupten Starken geht, die ihre Dominanz nicht aufgeben wollen". Sweid will sich nicht politisch engagieren, um vor seinem Publikum nur als Künstler auftreten zu können.

- Igal Avidan ist Korrespondent der israelischen Zeitung Maariv und Autor des Buches "Israel: Ein Staat sucht sich selbst."

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