Reaktionen in Nahost : "Preis für gute Absichten"

Im Nahen Osten wird durchaus kontrovers darüber gestritten, ob der Friedensnobelpreis für Barack Obama berechtigt ist und was die Auszeichnung für die Region bedeutet.

Martin Gehlen[Kairo]
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Nach der großen Kairoer Rede an die muslimische Welt.Foto: dpa

Als wenn es die Obsthändler von Kairo geahnt hätten. Seitdem sich die Nachricht von dem Friedensnobelpreis an Barack Obama in der ägyptischen Hauptstadt verbreitet, preisen sie ihre beste Sorte noch lauter an, die so genannten Obama-Datteln – prall, hellrot und zuckersüß, das Kilo für vier Euro. „Wir lieben Obama und darum nennen wir unsere Superdatteln nach ihm”, schmunzelt der Händler Omar Ashraf auf einem kleinen Markt im Stadtteil Dokki. Im Jahr zuvor hatte er seine Premium-Sorte noch Nasrallah genannt – nach dem Hisbollah-Chef im Libanon.

Doch seit der neue Mann im Weißen Haus am 4. Juni für seine große Rede an die muslimische und arabische Welt in Kairo war, gehen die nahrhaften Früchte unter dem Label des amerikanischen Präsidenten. Seit seinem Amtsantritt gilt Obama nicht zuletzt wegen seines Mittelnamens Hussein und seiner muslimischen Wurzeln in der arabischen Welt als Sympathieträger, auch wenn zu den ersten Gratulanten der Region ausgerechnet der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad gehörte. „Wir hoffen, der Friedensnobelpreis wird ihm den Anreiz geben, Gerechtigkeit in die Weltordnung zu bringen“, ließ er seinen Sprecher schon eine Stunde nach der Bekanntgabe in Oslo erklären und fügte gleich aus iranischer Sicht den entscheidenden Lackmustest hinzu: „Wenn er das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat aufgibt, kann er beweisen, dass er den Preis zu Recht erhalten hat.“ Anders sieht das die 23-jährige Teheraner Studentin Neggeen Salehi. „Ich finde, Obama hat den Preis verdient, obwohl er noch keine konkreten politischen Erfolge im Mittleren Osten vorzuweisen hat“, sagt sie gegenüber Reuters. Obama aber sei entschlossen, etwas Positives zu erreichen und darum „hat er den Preis vor allem für seine guten Absichten und weniger für seine guten Taten erhalten“.

Mit deutlicher Skepsis dagegen reagierten die Menschen im benachbarten Irak, obwohl sie Obamas Bemühungen, die amerikanischen Truppen abzuziehen und die Gewalt im Land zu bekämpfen, anerkennen. „Immerhin besser als Bush“, meinte ein 45-jähriger Wachmann vor einer großen Bank in Bagdad zu einem Reporter von AFP und fügte hinzu. „Obama hat die Lage im Irak und in anderen Staaten beruhigen können.“ Und unter ihm habe Amerika mit den islamischen und arabischen Ländern einen neuen Anfang gemacht. Ein anderer dagegen geht dazwischen und sagt, der Chef des Weißen Hauses habe die Auszeichnung nicht verdient. Alle Probleme im Irak und in Afghanistan seien bislang nicht gelöst, kritisiert er. „Der Mann des Wechsels hat bislang nichts verändert“. Der 31-jährige Sarmad Abbas dagegen, Besitzer eines Supermarktes in Bagdad, begrüßt die Entscheidung des norwegischen Nobelkomitees: „Obama hat den Preis absolut verdient“, sagte er gegenüber Reuters. Seine Politik unterscheide sich grundlegend von der seines Vorgängers. „Zum ersten Mal erleben wir einen amerikanischen Präsidenten, der eine respektvolle Haltung einnimmt gegenüber dem Islam und gegenüber den Muslimen“, fügte der Mann hinzu. Für die Iraker sei vor allem wichtig, dass Obama die amerikanischen Truppen abziehen wolle. „Und ich glaube, er wird das auch tun.“

Das Sympathiepolster, was der Friedensnobelpreisträger 2009 vor vier Monaten durch seiner Rede in Kairo und seinen Besuch bei den Pyramiden aufgebaut hat, trägt ihn bis heute. Von der ägyptischen Hauptstadt aus hatte der neue Chef des Weißen Hauses seine schon im Wahlkampf angekündigte große Versöhnungsofferte gestartet. Kein Personenkult, kein bombastischer Auftritt, keine Halbgottallüren: Ich komme als einfacher Mann, der 1,2 Milliarden Muslimen einen Neuanfang anbieten will - das war damals die zentrale Botschaft im halbrunden Festsaal der Universität von Kairo. Obama sprach von „Wunden, Missverständnissen und Konflikten“, die das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der islamischen Welt beschädigt hätten. „Die Menschen auf Erden können in Frieden zusammen leben“, schloss der US-Präsident damals seine Rede vor dankbarem Publikum, bevor er nach einem kurzen Winken hinter dem schweren, samtroten Vorhang verschwand.

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