Rebellen : Taliban greifen nach der Macht

Die Appeasement-Politik verfehlt ihr Ziel: Der Atomstaat Pakistan zeigt sich hilflos gegen die Extremisten.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Taliban Foto: dpa
Auf dem Vormarsch. Talibankämpfer vor dem Swat-Tal. Die US-Regierung warnt vor einer Bedrohung für den Weltfrieden. -Foto: dpa

Vor einer Woche waren es 160 Kilometer, nun sind es nur noch 100 Kilometer, die die Taliban von Islamabad trennen – der Atomstaat Pakistan gerät in einem atemberaubenden Tempo unter die Kontrolle der radikalen Islamisten. Nach dem Swat-Tal übernahmen die Rebellen den Nachbardistrikt Buner und sind am Donnerstag weiter in den Shangla-Distrikt eingedrungen. Damit sind sie nur noch ein, zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt.

US-Außenministerin Hillary Clinton schlägt Alarm. Die Lage sei eine „tödliche Bedrohung“ für die Sicherheit der ganzen Welt. Die Taliban versuchten, das Land zu übernehmen. Clinton geht scharf mit Pakistans Regierung ins Gericht. Diese knicke vor den Islamisten ein und übergebe ihnen ganze Regionen. Sie meint damit den „Swat-Deal“: Um die Taliban zu befrieden, hatte Präsident Asif Ali Zardari ihnen jüngst das Swat-Tal, ein früheres Urlaubsgebiet im Nordwesten, überlassen und dort die islamische Rechtsordnung Scharia erlaubt. Doch die Appeasement-Politik geht nach hinten los: Der „Kniefall“, wie es Clinton nannte, hat die Rebellen nicht besänftigt, sondern beflügelt.

Die Tinte unter dem „Swat-Friedensdeal“ war kaum trocken, da rollten schon Laster voller Militanter mit Kalaschnikows und Raketenwerfern im anliegenden Buner-Distrikt ein. Die Rebellen besetzen Polizeiwachen, stehlen Wagen und patrouillieren durch Straßen und Dörfer. Nach Clintons Wutausbruch entsandte Pakistan zwar nun einige paramilitärische Truppen nach Buner. Doch das erstaunt, weil dort eigentlich das Militär bereits präsent ist. Die Soldaten sollen bisher fast tatenlos zugesehen haben.

Der Distrikt sei „kampflos gefallen“, schrieb zumindest die Zeitung „The News“ entsetzt. Die zivile Regierung scheint ratlos. Einige fühlen sich an die Zeit vor der islamischen Revolution in Iran erinnert. Offiziell fordern die Taliban, die Scharia in ganz Pakistan einzuführen. Aber das verbrämt nur ihr wahres Ziel: eine Religionsdiktatur .

„Wenn die Taliban so weitermachen, werden sie bald an die Tore von Islamabad klopfen“, warnt sogar Fazl-ur-Rehmann, Chef der größten islamischen Partei im Parlament. Man darf sich die Taliban aber nicht als geschlossenes Heer vorstellen. Die Rebellen sickern in Regionen ein, jagen lokale Verwalter und Politiker davon und terrorisieren die Bürger.

Clinton ruft die Pakistaner auf, sich den Taliban entgegenzustemmen. Immer dreister tanzen die Extremisten dem Staat auf der Nase herum. Regierungschef Yousuf Gilani appelliert nun erneut an sie, sich an den Swat-Deal zu halten. Doch die denken nicht daran, ihre Waffen niederzulegen. „Wir sind Paschtunen. Paschtunen haben immer Waffen“, ließ Taliban-Sprecher Amir Izzat Khan wissen. Erste US-Analysten sehen den Atomstaat bereits in eine Vielzahl von Taliban-Fürstentümern zerfallen. Die Taliban errichten Staaten im Staate, in denen sie auch Al Qaida Unterschlupf gewähren. Die halbautonomen, unwegsamen Stammesgebiete zu Afghanistan, die weder die britischen Kolonialherren noch Pakistans Militär je in den Griff bekamen, gelten ohnehin als ihr Land.

Der Buner-Distrikt ist strategisch wichtig. Dort ist der Zugang zur Autobahn zwischen Islamabad und der Provinzhauptstadt Peschawar. Auch in die Hafenmetropole Karatschi sollen die Rebellen einsickern. Die größte Angst ist jedoch, dass sie im Punjab Fuß fassen. Der Punjab an der Grenze zu Indien gilt als Machtzentrum und letzte Bastion des Staates. Dort liegen auch Islamabad und Lahore. Fällt der Punjab, fällt Pakistan.

Es sieht aus, als ob Pakistan eine blutige Schlacht um die Zukunft bevorsteht. Anders als das rückständige Afghanistan verfügt Pakistan über moderne Zentren – mit Atombomben, Hightech, englischsprachigen Eliteschulen und Airports mit Flügen in die Welt. Ein idealer Standort für die globale Terrorszene. Die große Frage ist, ob sich das Volk erhebt – und wie sich Pakistans Militär verhält. Armeechef Ashfaq Kayani selbst gilt als prowestlich. Aber Teile im Militär und im Geheimdienst sollen immer noch eine Allianz mit den Extremisten pflegen.

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