Recep Tayyip Erdogan und die Türkei : Zwischen Personenkult und großen Turbulenzen

Recep Tayyip Erdogan betreibt um sich einen Personenkult und unterdrückt erfolgreich jede Opposition. Aber der Wirtschaftsboom ist vorbei. Drohen ihm und der Türkei Turbulenzen? Ein Kommentar.

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Recep Tayyip Erdogan wittert hinter jeder Kritik einen Putschversuch.
Recep Tayyip Erdogan wittert hinter jeder Kritik einen Putschversuch.Foto: dpa

Für Recep Tayyip Erdogan war das zu Ende gehende 2014 ein erfolgreiches Jahr: Er hat die Kommunal- und die Präsidentschaftswahlen gewonnen, er hat die juristische Untersuchung von Korruptionsvorwürfen erfolgreich unterdrückt und er hat seine Gegner in der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen durch Festnahmen und Säuberungen im Staatsapparat in die Defensive gedrängt. Kurz vor dem Jahreswechsel hat er nun kurzerhand verkündet, nirgendwo anders sei die Presse freier als in seinem Land. Doch 2015 könnte es schwierig werden für ihn und sein Land.

Der 60-jährige Erdogan ist in diesem Jahr immer stärker in den Mittelpunkt gerückt, er betreibt Personenkult in eigener Sache. Als erster direkt gewählter Präsident seines Landes macht Erdogan gar nicht erst den Versuch, unparteiisch zu sein und alle Türken zu repräsentieren. Wie zuvor in der Rolle als Ministerpräsident treibt er die Polarisierung der Gesellschaft voran, um die islamisch-konservativen Wähler an seine Partei AKP zu binden.

Diese Taktik hat ihm in den vergangenen Jahren viele Wahlsiege eingebracht. Im Frühsommer des kommenden Jahres soll das noch einmal funktionieren: Die AKP strebt bei den Parlamentswahlen mehr als 50 Prozent der Stimmen an. Mit einer ausgebauten Parlamentsmehrheit will Erdogan anschließend per Volksabstimmung eine Verfassungsänderung durchsetzen, die dem Präsidenten mehr Macht einräumt. Schon von Januar an will Erdogan als Präsident die wöchentlichen Sitzungen des Kabinetts leiten.

Recep Tayyip Erdogan wittert überall Putschversuche

Teile der Justiz, der Polizei, der Wirtschaft und der Presse sind dem Präsidenten treu ergeben. Die Opposition in Ankara ist zu schwach, um die AKP-Regierung zu kontrollieren. Lediglich das Verfassungsgericht und andere hohe Gerichte sowie die Zentralbank haben in den vergangenen Monaten mit ihren Entscheidungen gezeigt, dass sie nicht ohne Weiteres vor Erdogan kuschen.

Der Präsident reagiert auf Widerstand mit deutlicher Verärgerung. In Erdogans „Neuer Türkei“ versteht die Führung selbst harmlose Kritik von anderen Akteuren immer häufiger als Majestätsbeleidigung und Putschversuch. Erdogans schroffe Reaktion auf die Kritik der EU an den jüngsten Festnahmen von Journalisten macht außerdem deutlich, dass sich der Präsident auch von den Europäern ungerecht behandelt fühlt. Forderungen aus Brüssel, rechtsstaatliche Grundsätze zu beachten, sind aus seiner Sicht unerlaubte Einmischung.

Mitten in diesem aufgeladenen politischen Klima muss die Türkei im neuen Jahr mit schwierigen Situationen zurechtkommen. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre ist vorbei, das Wachstum geht zurück, die Arbeitslosigkeit steigt. Bei den Bemühungen um eine Beendigung des Kurdenkonflikts fordern die PKK-Rebellen eine Lösung noch vor den Wahlen im Sommer und drohen mit einer Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes. An den Südgrenzen der Türkei wächst die Bedrohung durch den „Islamischen Staat“.

Einige Meinungsumfragen legen nahe, dass die AKP an Rückhalt verliert. Sollte sie bei den Parlamentswahlen ihr Ziel verfehlen, müsste Erdogan als Präsident möglicherweise mit einer Koalitionsregierung aus den bisherigen Oppositionsparteien zurechtkommen. 2015 könnte für die Türkei sehr turbulent werden.

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