Politik : Rechnung mit vielen Unbekannten

NAME

Von Bettina Behler

und Moritz Schuller

Die Goethestraße, Frankfurts Edelmeile: Cartier, Bulgari, Louis Vuitton, Versace unterhalten entlang des gepflegten Bürgersteigs Dependancen. Dazwischen Möller & Schaar, der Damen- und Herrenmodeladen, in dem Rudolf Scharping am 22.3.1999, einem Montag, 54 885 Mark für Kleidung ausgegeben haben soll. Im Schaufenster Hemden von Ralph Lauren für 70 Euro, breit gestreifte Polos für 60 Euro, drinnen gibt es Strandlatschen von Prada für 160 Euro – bei Möller & Schaar herrscht derzeit Ausverkaufsstimmung. Normalerweise werden hier ganz andere Marken verkauft: Brioni, Kiton, Zegna, Dolce & Gabbana, zählt Geschäftsführer Adam Schatzschneider auf. Das Textil- und Schuhgeschäft ist durch und durch gediegen: Parkett auf dem Boden, die Kleiderstangen reihen sich an der Wand entlang, auf einem schwarzen Ledersofa können sich die Begleiter ausruhen. Vor allem samstags komme die Kundschaft, Männer und Frauen gleichermaßen, sagt Schatzschneider. Mehr will er nicht verraten – schon gar nicht, ob es wirklich eine Rechnung des Hauses sein kann, die der „Stern" abgedruckt hat. „Kein Kommentar.“

Der Mann an der Kasse ist etwas auskunftsfreudiger. Er winkt ab, zeigt einen anderen Quittungsbeleg. Aber mehr will er auch nicht sagen. Der Schriftzug auf beiden Rechnungsköpfen immerhin ist gleich, auf der Rechnung für „Herrn Bundesminister R. Scharping“ fehlen im Gegensatz zum Kassenbeleg, die der Laden ausstellt, Adresse und Telefonnummer. Drei Mäntel, einen Smoking, vier Anzüge, zwei Blazer, sechs Hosen, vierzehn Hemden, zehn Paar Strümpfe und elf Krawatten soll Scharping gekauft haben.

Auf die Frage nach typischen Kunden sagt Schatzschneider, „in Frankfurt gibt es viele Banken". Eine PR-Beraterin, die unweit in der Frankfurter Stadtmitte arbeitet, meint, „ganz Kronberg und Königstein ist hier unterwegs" – Vororte der Bankenstadt, die für ihre hohe Millionärsdichte bekannt sind.

Dass auch Scharping bei Möller & Schaar eingekauft hat, ist unbestritten: Als der PR-Berater Moritz Hunzinger vor einigen Tagen vom „Stern“ danach befragt wurde, hatte er geantwortet: „Ihre Zielperson war gemeinsam mit Herrn Hunzinger auch im Frühjahr 1999 bei Möller & Schaar; beide sind dort Kunden, beide haben ihre jeweiligen Rechnungen bezahlt.“ Die Rechnung, die das Magazin abgedruckt habe, sei ihm allerdings unbekannt, sagte Hunzinger am Freitag dem Tagesspiegel. Hunzinger stritt auch ab, dass die Rechnung aus seinen Unterlagen stamme. „Ich kenne eine solche Rechnung nicht.“ Der „Stern“ hatte berichtet, dass die Rechnung „in Hunzingers Scharping-Akte abgelegt ist“. Ohnehin komme ihm die Rechnung „komisch“ vor. „Wenn ich eine Rechnung bekomme, sind es Kassenausdrucke.“ Schon vorher hatte Hunzinger von einer Verwechslung der Rechnungen gesprochen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben