Rechnung ohne den Wirt : Wie die Troika die Schuldentragfähigkeit Griechenlands bewertet

Die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF hat die Schuldentragfähigkeit Griechenlands neu analysiert. Zu welchen Ergebnissen kommen die Finanzexperten?

von
Foto: picture alliance/dpa; Montage: Thomas Mika Foto: picture alliance / dpa
Foto: picture alliance/dpa; Montage: Thomas MikaFoto: picture alliance / dpa

Er ist „streng vertraulich“. So steht es über der Analyse der Schuldentragfähigkeit Griechenlands, die Finanzexperten der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) der Krisensitzung der europäischen Finanzminister ausgehändigt haben. Und das zehnseitige Papier dieser Troika, das dem Tagesspiegel vorliegt, ist tatsächlich brisant.

Was ist neu?

Die Kernaussage lautet: Griechenlands Rettung wird noch teurer und noch länger dauern als angenommen. Nach ihrer fünften Kontrollreise nach Athen legen die Prüfer „aufgrund der bisher gemachten Erfahrungen“ ein noch viel düstereres Szenario der wirtschaftlichen Entwicklung zugrunde. Griechenlands Volkswirtschaft wird demnach noch einmal um 5,5 Prozent in diesem und drei Prozent im nächsten Jahr schrumpfen. Hatte die Troika bisher mit Privatisierungserlösen von 66 Milliarden Euro bis 2020 gerechnet, so sind es jetzt „wegen der widrigen Marktlage“ nur noch 46 Milliarden Euro. Die pessimistischeren Annahmen haben direkte Auswirkungen darauf, ob Griechenland den Schuldenberg, der dieses Jahr auf 162 Prozent der Wirtschaftsleistung klettern wird, überhaupt abtragen kann. Gewohnt nüchtern sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel, „dass man jetzt zu einer realistischeren Betrachtung der Situation in Griechenland kommt“. Diese realistischere Betrachtung hat das Zeug zum Gruselschocker, vor allem was Dauer und Volumen der benötigten Hilfe angeht.

Wie lange wird die Griechenland-Rettung dauern?

Je nach Szenario gehen die Fachleute davon aus, dass Athen bis mindestens 2021, vielleicht aber sogar bis 2027 finanzielle Hilfe brauchen wird. Bisher zugesagt sind über die 107 Milliarden Euro aus dem ersten Griechenlandpaket hinaus weitere 109 Milliarden Euro in einem zweiten, das die Staats- und Regierungschefs erst Ende Juli beschlossen hatten. Noch nicht einmal umgesetzt, reicht es der jüngsten Troika-Analyse zufolge schon jetzt bei Weitem nicht aus: Legt man die neuen Annahmen zur Wirtschaftsentwicklung und die bisherige Zusage der Banken zugrunde, auf 21 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten, ergäbe sich statt der 109 Milliarden ein Zuschussbedarf von 252 Milliarden bis zum Jahr 2020. In einem Worst-Case-Szenario mit noch schlechterer Konjunkturentwicklung und einem Scheitern der Privatisierungsbemühungen könnten sogar bis zu 450 Milliarden Euro nötig sein. Deutschland als größter Euro-Staat haftet über den Euro-Rettungsschirm dabei für ein knappes Drittel der Summe.

Was folgt daraus?

Diese Horrorzahlen haben die Finanzminister nun dazu bewogen, die Geldinstitute stärker in die Pflicht zu nehmen. Bis spätestens Mittwoch soll in Gesprächen mit dem Internationalen Bankenverband die Höhe ihres Beitrags festgelegt werden. Die Staats- und Regierungschefs berieten am Sonntag intensiv darüber, wie sich welches Volumen mit welchem Freiwilligkeitsgrad für den Privatsektor auf andere Euro-Staaten auswirkt. Im Gespräch ist ein Schuldenschnitt der Bankenforderungen zwischen 50 bis 60 Prozent. Das sind jene Werte, für die die Troika – übrigens gegen den schriftlich erklärten Widerspruch der Europäischen Zentralbank – die Auswirkungen auf Griechenlands Geldbedarf errechnet hat. Denn das ist klar: Der von Experten schon lang empfohlene „Haircut“ löst die Probleme nicht auf einen Schlag: „Auch mit einer viel stärkeren Privatgläubigerbeteiligung“, heißt es im Troika-Bericht, „wird sehr große Unterstützung der öffentlichen Hand für einen verlängerten Zeitraum benötigt.“

Welche Risiken gibt es dabei?

Konkret heißt das, dass selbst bei einer Halbierung der Bankenverbindlichkeiten der öffentliche Anteil am zweiten Griechenlandprogramm noch immer um vier auf 113 Milliarden Euro aufgestockt werden müsste. Außerdem verweist die Expertengruppe darauf, dass diese Rechnung nicht die möglichen Kosten beinhaltet, die durch eine Ansteckung anderer Euro-Staaten entstehen könnten, wenn ein teilweiser Zahlungsausfall Griechenlands festgestellt wird. Der könnte Banken anderer Staaten in Bedrängnis bringen, wofür in letzter Instanz – wie ebenfalls am Wochenende beschlossen – wieder der Euro-Rettungsschirm einspringen soll.

In langen Zahlenkolonnen versteckt findet sich zudem noch ein ganz anderer Kostenfaktor. Bei den wirtschaftlichen Annahmen, die der GriechenlandAnalyse zugrunde liegen, wird nämlich von steigenden Refinanzierungskosten für Deutschland ausgegangen. Muss Berlin als kreditwürdigster Schuldner der Euro-Zone zurzeit nur Rekordniedrigzinsen von etwas über zwei Prozent zahlen, werden es der Troika-Prognose zufolge 3,5 Prozent im Jahr 2020 sein. Rund 300 Milliarden Euro muss Deutschland im Jahr umschlagen – es geht also überschlägig um 30 Milliarden Euro mehr im Jahr.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar