Politik : Recht haben und Leid tun

Von Hellmuth Karasek

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Letzte Woche war der Kanzler mal wieder nicht zu beneiden, denn es gab viel zu tun: Gerhard Schröder musste sich vor Flick, wg. der FlickSammlung in Berlin, und hinter Mehdorn, wegen des Sanierungsfalls Bundesbahn stellen; er musste, um der EU willen, den Ehebruch in der Türkei verfolgen und seinem Außenminister die Daumen drücken, dass der das richtige Händchen habe, um Deutschlands Weg zu einem permanenten Sitz im Sicherheitsrat zu ebnen. Der Kanzler musste Kosovo bedenken und Afghanistan; und er musste mit Müntefering ein Ergebnis in Sachsen unter zehn Prozent zum Sieg hochrechnen und die NRW-Wahlen im Auge haben.

Da tat der Kanzler einem Leid. Oder leid?   Denn neben Putin und Polen, neben Hartz IV und Montagsprotesten fand er auch noch Zeit, sich zur Reform der Rechtschreibreform zu äußern. Er fände das „eine oder andere" (dies ohnehin, als Sachbezeichnung, neben dem „einen oder anderen", als Personenbezeichnung, seine staatsmännisch bräsige Lieblingsfloskel) in der Reform reformbedürftig, aber das sei Ländersache.

Damit hatte der Kanzler Recht. Oder recht?   Nun gibt es Leute, die die Rechtschreibreform-Diskussion (uff! welch ein Wort) für überflüssig wie einen Kropf halten – und das sind nicht nur Analphabeten. Haben wir nicht wahrlich Wichtigeres zu tun? Und lenkt uns also die Diskussion, ob man „gross“ „Gross“ oder gar „Groß“ schreibt, vom wirklich Reformbedürftigen ab? Ich gebe zu, dass ich manchmal, das eine oder andere Mal, zu dieser Meinung neige – schon allein deshalb, weil ich, wenn ich die FAZ las, als sie allein zur alten Schreibung zurückgekehrt war, beim Lesen nur etwas merkte, wenn ich es merken wollte.   Andererseits gibt es in unserem Land immer noch Menschen, die Kinder haben und also Kinder in die Schule schicken. Und solche, die Lehrer sind. Und Schüler wie Lehrer, also auch Eltern wie Kinder, müssen sich damit plagen, wie man was denn schreibt oder liest, wenn man es denn schreibt oder liest.

Wer darüber hinaus noch vom Schreiben zu leben trachtet, dem kommt beim schriftlichen Verfassen seiner Gedanken die neue Rechtschreibung nur selten in die Quere: „dass" statt „daß“, geschenkt! „Portmonee“ neben „Portemonnaie“, na ja, man gewöhnt sich an alles, Hauptsache, der Geldbeutel ist nicht leer.   Allerdings gibt es, wie man beim Schreiben fast mit Schmerzen feststellen muss, einige Reformen, die sind so falsch, so gegen das Sprachempfinden, ja Rechtsempfinden der Sprache gerichtet und errichtet worden, dass man sich wundert, wie sie Kommissionsmitgliedern, die ja mit Sprache von Berufs wegen befasst sind, unterlaufen konnten.

Insofern hatte auch der Kanzler „recht", wenn er auch nicht Recht hatte. Denn das „Recht" im „Recht haben" ist ja kein materielles Recht, das man einklagen kann, notfalls vor dem Europäischen Gerichtshof, sondern es zeigt, dass man richtig, also „recht" denkt.   Ähnlich ist es mit „Leid" tun. Der Kanzler tat mir letzte Woche wegen so vielem „leid". Aber tat er mir auch Leid? Das heißt: fügte er mir Schmerzen, Leiden zu, wie es Leute glauben, die gegen seine Reformen auf die Straßen und auf die Barrikaden gehen?

Man kann sagen, man muss sagen, dass sich in der neuen Regel, man müsse recht mit haben und leid mit tun, Recht haben und Leid tun schreiben, nur der mangelnde Sprachsinn bürokratischer Reformer austobt, die buchstäblich „Recht" bekommen möchten.   Man kann aber auch sagen, dass sich in grässlichen Neuschreibungen auch ein schrecklicher neuer faktenbesessener materialistischer Sprachgeist bemerkbar macht, der da meint, man könne nur dann recht haben, wenn sich das Richtige durch alle Instanzen als Recht durchpauken lässt. Und nur dann täte einem jemand leid, wenn er einem wirklich Leid zufügt.   „Recht haben" und „Leid tun", ist das nicht das Leitmotiv der Weltmachtpolitik? Dabei könnte sie mit so vielem recht haben und deshalb einem auch leid tun.

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