Politik : Rechte Gewalt: Einleitende Worte von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo

Giovanni di Lorenzo

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Den ganzen Sommer lang haben alle Zeitungen über den Alltag der rechtsextremen und fremdenfeindlichen Gewalt berichtet - so ausführlich und auffallend, dass nicht wenige Leser den Verdacht äußerten, es ginge den Medien dabei vielleicht nicht nur um die Gewaltwelle selbst, sondern darum, das nachrichtenarme Sommerloch mit einem ergiebigen Thema zu füllen. Danach drohe die Verbannung des Problems in die Spalte der Kurzmeldungen.

Auch deswegen haben wir uns in einer gemeinsamen Anstrengung mit den Kollegen der "Frankfurter Rundschau" zu einer ungewöhnlichen Recherche entschlossen: Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir erstmals alle Verbrechen mit rechtsextremem und fremdenfeindlichem Hintergrund seit der deutschen Einheit. Es ist eine Bilanz des Schreckens: 93 Tote in zehn Jahren. Sie zeigt auch, dass die Zahl der Opfer weit höher ist als vom Bundesministerium des Innern seit Jahren verbreitet wird.

Es geht uns aber nicht darum, einen Streit um Zahlen mit Politikern und Behörden anzuzetteln. Es geht hier um die Opfer der Gewaltwelle, die für die meisten kein Gesicht haben, nicht einmal einen Namen. Und fast immer hat man sie vergessen oder alleingelassen - da unterscheiden sich diese Opfer nicht von jenen anderer Verbrecher.

Nur wenn wir uns diese Opfer vor Augen führen, haben wir ein Mittel gegen Gewöhnung und Verharmlosung. Medien können den Rechtsextremismus nicht besiegen, und seien die Aufrufe noch so flammend. Das können nur die Bürger, die Politiker, die Polizei und die Justiz. Aber den Skandal dieser Gewalt können die Medien darstellen. Das werden wir weiter tun.

Giovanni di Lorenzo

Chefredakteur

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