Rechte Gewalt in den USA : Warum eigentlich Charlottesville?

In der Universitätsstadt kommt zusammen, was Rechte aufbringt: eine linke Hochburg, eine besondere Historie und ein jüdischer Bürgermeister.

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Mit diesem Wagen fuhr ein Extremist in einen Zug linker Demonstranten.
Mit diesem Wagen fuhr ein Extremist in einen Zug linker Demonstranten.Foto: Ryan M. Kelly/The Daily Progress/AP/dpa

Charlottesville ist eigentlich ein romantisches Universitätsstädtchen, beschaulich gelegen am Fuß der Blue Ridge Mountains. Die traditionsreiche University of Virginia (UVA) bestimmt den Takt im Leben der 47.000 Einwohner. Thomas Jefferson hat sie gegründet, einer der prominenten Verfassungsväter und dritter Präsident der USA. Sein Landgut Monticello, das die 5-Cent-Münzen in den USA schmückt, liegt nur sechs Kilometer entfernt.

Mehrere tausend Ortsfremde am Tag sind hier normal. Sie flanieren durch die hübsche Fußgängerzone mit ihren zumeist zwei- bis dreistöckigen Backsteinhäusern im Kolonialstil, stillen in den auf die Straßen ausladenden Restaurants und Bars Hunger und Durst, stöbern in Antiquariaten und anderen Läden. Zumeist sind es Eltern der Studierenden, Jefferson-Touristen, Erholungssuchende, die in den Bergen wandern oder den "Skydrive", die Panoramastrecke entlang des Berggrats fahren.

Bis zum Sonnabend: Da wurde Charlottesville zum Synonym für eine Eskalation der Gewalt zwischen US-Neonazis und linken Gegendemonstranten, für Tote und Verletzte, für den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und die Verhängung des Ausnahmezustands. Und für harte Kritik an Präsident Trump, weil der nur sehr allgemein jede Gewalt verurteilt, sich aber nicht speziell gegen die Gewalt der Rechtsextremen gewandt hatte - samt einer Debatte, ob Trump aus Unvermögen so gehandelt habe oder absichtsvoll, um sich Stimmen rechtsradikaler Wähler zu sichern.

Emotionaler Mix für Rechte und Linke

Einerseits war es nicht zwingend, dass Charlottesville zum Schauplatz der Exzesse wurde. Den äußeren Anlass hätten rechte Demonstranten und linke Gegendemonstranten auch anderswo in den USA finden können: Die Stadtregierung hatte beschlossen, ein Reiterdenkmal des legendären Südstaaten-Generals Robert Lee abzubauen und den nach ihm benannten Park in "Emanzipationspark" umzubenennen. Andererseits kamen in Charlottesville und generell im Staat Virginia weitere Umstände hinzu, die die Emotionen schürten. Das Universitätsstädtchen ist eine linke Insel in einem erzkonservativen Umland. Es hat einen jüdischen Bürgermeister - daher die antisemitischen Banner der Rechten "Wir lassen uns nicht von Juden verdrängen".

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Und Virginia hat eine historisch-strategische Funktion in der Rivalität zwischen Rechts und Links in den USA. Seine Hauptstadt Richmond war im Bürgerkrieg die Hauptstadt der Konföderation, der Südstaaten. Der dünner besiedelte Südteil Virginias ist bis heute erzkonservativ und eine Hochburg der Republikaner. Der Nordostzipfel des Staats grenzt jedoch an die Hauptstadt Washington DC, wo man zu 95 Prozent die Demokraten wählt. Da immer mehr Menschen nach Washington ziehen, dort aber keine Wohnungen finden, dehnt sich die "Greater Metropolitan Region", der Großraum um die Hauptstadt ins Umland aus.

Virginia ist Kampfplatz für Republikaner und Demokraten

Durch diesen konzentrierten Zuzug im Nordosten Virginias sind die Mehrheitsverhältnisse im Gesamtstaat im Verlauf der letzten 15 Jahre gekippt. Der dicht besiedelte Nordosten majorisiert den flächenmäßig weit größeren, aber dünn besiedelten Rest des Bundesstaats. Virginia, einst das Machtzentrum der Konföderierten, hat jetzt in der Regel demokratische Gouverneure und stimmt mehrheitlich für demokratische Präsidentschaftskandidaten.

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Zum Auslöser der Unruhen wurde ein Anlass, wie er in diesen Jahren vielerorts in den USA anzutreffen ist: eine Neubewertung des amerikanischen Bürgerkriegs vor 150 Jahren und seiner Symbole. Die Südstaaten haben ihn verloren, die Sklaverei wurde abgeschafft. Aber im Süden haben viele Bürger an dem Gedankenkonstrukt festgehalten, dass keine Seite moralisch überlegen oder unterlegen war. Damals seien zwei unterschiedliche Lebens- und Wirtschaftsmodelle in Konflikt geraten. Der Norden setzte auf die Industrialisierung. Der Süden hielt an der Plantagenwirtschaft fest und die war - angeblich und leider, leider - ohne Sklaven nicht rentabel zu betreiben. In dieser Interpretation kämpfte der Süden für ein ehrenvolles Ziel: die Beibehaltung seiner Lebensart.

Neubewertung des Bürgerkriegs

So moralisch neutral sind auch heute noch viele Beschriftungen in den Museen und Führungen über die Schlachtfelder des Bürgerkriegs. Anfangs diente das dem Ziel, den Riss durch die Nation zu heilen. Man sprach nicht von Siegern und Besiegten. Man vermied es, die Sache des Nordens als gerecht und die des Südens als anfechtbar zu beschreiben.

Das hat sich in jüngeren Jahren geändert. Immer öfter verlangen Initiativen links der Mitte, man solle die Symbole der Südstaaten als Symbole des Hasses begreifen und sie verbieten. Die Konföderiertenflagge und die Standbilder der Südstaaten-Generale seien nicht politisch neutrale historische Symbole einer Epoche, sondern würden von der Rechten gezielt eingesetzt, um weiße Amerikaner gegen Schwarze, gegen Einwanderer aus Lateinamerika, gegen Juden aufzuwiegeln.

Der Präsident hat indirekten Einfluss auf die Debatte

Immer öfter haben solche Initiativen Erfolg - auch in politischen Kreisen rechts der Mitte. Als ein weißer Nationalist in einer Kirche in Charleston im Sommer 2015 neun Schwarze erschoss, holte die republikanische Gouverneurin von South Carolina, Nikki Haley, die Konföderiertenflagge von staatlichen Gebäuden ein.

Die Präsidenten haben keinen direkten Einfluss auf diese lokalen und regionalen Debatten und Entscheidungen. Sie prägen freilich das allgemeine Klima. Unter Barack Obama, dem ersten Afroamerikaner im Weißen Haus, fühlten sich die Progressiven auf dem Vormarsch. Obama stand für eine allmähliche, nicht aggressive Neubewertung der Geschichte. "Der Bogen der Geschichte neigt sich langsam in Richtung Gerechtigkeit", lautete eines seiner Lieblingszitate. Als er nach jenem Massaker an Schwarzen in einer Kirche in Charleston "Amazing Grace" anstimmte, bewegte er viele Amerikaner. Unter Trump wittert die Rechte eine Gelegenheit, die Dynamik wieder umzukehren.

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