Rechte Gewalt : Schwere Vorwürfe gegen Polizei nach Überfall auf vietnamesische Familie

Immer wieder Sachsen-Anhalt: Nach dem Überfall von Rechtsextremen auf eine vietnamesische Familie, ist die Polizei erneut in die Kritik geraten. Offenbar ließen die Beamten den Tätern freie Hand.

TORSTEN LANDSBERG[ddp]

BURGErst eineinhalb Wochen hatte die vietnamesische Familie in der Plattenbau-Siedlung in Burg gelebt, ehe in der Nacht zu Donnerstag drei betrunkene Männer ihre Wohnungstür aufbrachen. Sie beleidigten die Familie mit rassistischen Pöbeleien, griffen die Eltern, den 14-jährigen Sohn, die neunjährige Tochter und deren achtjährige Freundin an und raubten sie aus. Es ist nicht der erste solche Vorfall in Burg: Bereits im April und Juni gab es jeweils zwei rechte Überfälle. "In Burg gibt es eine aktive Neonazi-Szene", sagt Ralf Perband von der Mobilen Opferberatung. Burg sei der Schwerpunkt im Landkreis Jerichower Land.

Zwei Tage nach dem Überfall rollt am Freitag ein Streifenwagen durch die Wohngegend. Die Polizei zeigt demonstrativ Präsenz, ist offenkundig um Schadensbegrenzung bemüht. Denn nach den schweren Versäumnissen der Polizei in Dessau, Pretzien und Halberstadt steht auch in Burg einmal mehr das Fehlverhalten der Landespolizei im Zusammenhang mit fremdenfeindlicher Gewalt in der Kritik. Nach dem ersten Übergriff in der Nacht zum Donnerstag hatte die Familie die Polizei gerufen.

Als die Polizisten die Täter allein ließen, drangen sie erneut bei den Opfer ein

Die zwei Beamten vor Ort hatten die Angreifer daraufhin in die Wohnung eines benachbarten 18-jährigen Angreifers zurück beordert und beim stellvertretenden Dienstgruppenleiter Verstärkung angefordert. Doch dieser rief die Beamten zurück aufs Revier. "Ein paar Minuten danach haben die wieder an die Tür geklopft", schildert der 14-jährige Sohn der Familie die Dreistigkeit der Angreifer. Als die Polizei erneut eintraf, bat die Familie darum, von den Beamten in das Restaurant begleitet zu werden, das die Eltern in der Nähe betreiben. Aus Angst verbrachten sie dort den Rest der Nacht.

Am nächsten Morgen fand die Familie ihre Wohnung verwüstet auf, Elektrogeräte waren gestohlen worden. Die Polizei fand die Geräte schließlich in der Wohnung der Mutter des 18-Jährigen. Der Leiter des Burger Polizeireviers, Armin Friedrichs, entschuldigte sich am Morgen nach der Tat bei der Familie. Die Beamten hätten unangemessen auf die Situation reagiert. Auch der zuständige Polizeipräsident Johann Lottmann zog Konsequenzen und suspendierte den Dienstgruppenleiter und dessen Vertreter, "weil sie in der Schutzfunktion gegenüber der Familie versagt haben". Gegen den 18- und einen 19-jährigen Täter wurden inzwischen Haftbefehle erlassen. Der dritte Täter, ein 38-Jähriger, war der Polizei bislang nicht bekannt. Auch die Rolle eines vierten Mannes, der nicht aktiv am Angriff beteiligt war, muss noch geklärt werden.

Die Rechten waren der Polizei wegen Körperverletzung bereits bekannt

Burgs Bürgermeister Bernhard Sterz (SPD) besuchte die Familie am Freitag in ihrem Restaurant und bot seine Hilfe an, auch bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Doch das haben die Vietnamesen bereits selbst geregelt. Ein Freund der Familie erzählt, er habe schon eine neue Bleibe besorgt und die alte gekündigt. Er berichtet auch, dass er aus den Wohnungen der Täter rechtsradikale Musik gehört habe. Ein 20-Jähriger aus einem benachbarten Wohnblock bestätigt, dass es sich um bekannte Rechte handelt, "eher von der dumpfen Sorte". Regelmäßig dröhnten rechte Parolen aus den Wohnungen. Die beiden Täter seien Hartz-IV-Empfänger, die "ihr Geld gleich versaufen", sagt ein Nachbar. "Das sind Asoziale, ständig betrunken und stockdoof." Beide sind wegen Körperverletzung und Eigentumsdelikten mehrfach polizeilich bekannt, aber bislang nicht durch rechtsextreme Straftaten aufgefallen.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) zeigte sich entsetzt: "Die Täter sind in die Wohnung eingedrungen und haben so einen persönlichen Schutzraum verletzt, in den nicht einmal der Staat ohne weiteres eindringen darf." Diese "zutiefst unmenschliche Tat" zeige, dass der Kampf gegen Rechts einen langen Atem brauche.

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