Rechter Terror : Wie hat sich die Jenaer Neonazi-Zelle organisiert?

Immer neue Details werden bekannt, die belegen, dass die Jenaer Neonazi-Zelle wohl mehr Unterstützer hatte als bislang angenommen. Wie hat sie sich organisiert?

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Wie hat sich die Zwickauer Neonazi-Zelle organisiert?
Wie hat sich die Zwickauer Neonazi-Zelle organisiert?Foto: dapd

Täglich werden neue Einzelheiten im Fall der Jenaer Neonazi-Zelle bekannt. Die Dimension der Geschichte wächst weiter. Offenbar war auch die Terrorzelle größer als bislang bekannt. Jedenfalls werden nun über die schon berichteten Hinweise auf Unterstützer zusätzliche Details bekannt. Ein Überblick.

Wie groß war der Unterstützerkreis der Jenaer Neonazi-Zelle tatsächlich?

Die Zahl der mutmaßlichen Helfer des Trios lässt sich bislang auf vier eingrenzen, weitere Personen aus dem Umfeld kommen womöglich hinzu. Bei den vier Personen, drei Männer und eine Frau, handelt es sich um Rechtsextremisten mit langjährigen Kontakten zu Uwe M., Uwe B. und Beate Z. Im Einzelnen geht es um folgende, mutmaßliche Unterstützer:

Holger G., 37 Jahre alt und wie das Trio aus Jena stammend, wurde am vergangenen Sonntag nahe Hannover festgenommen. Das sächsische Ehepaar Robert F. und Gabi F. (Namen geändert) ist ebenfalls der Hilfe für die Dreiergruppe verdächtig. Offen bleibt, ob der Zwillingsbruder von Robert F., eine Führungsfigur der rechten Szene in Brandenburg, beteiligt war. Ein weiterer, mutmaßlicher Unterstützer war Andy S. (Name geändert), der ebenfalls Rechtsextremist sein soll. Er ist der Mieter der Wohnräume in Zwickau, die das Trio als Untermieter nutzen konnte.

Als potenzielle Verdächtige gelten auch ehemalige Mitglieder der „Sektion Jena“ der früheren Neonazi-Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“. Dieser Sektion Jena gehörten Ende der 90er Jahre Uwe M., Uwe B. und Beate Z. sowie fünf weitere Rechtsextremisten an. Zumindest zwei der fünf könnten nach Informationen des Tagesspiegels dem Trio geholfen haben, 1998 unterzutauchen.

Die Spur der Neonazi-Mörder
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Möglicherweise spielen auch zwei weitere Namen eine Rolle. Eine sächsische Rechtsextremistin wird überprüft, weil ihren Namen Beate Z. als Tarnung benutzt hatte. Dann ist da noch ein Mann Anfang 20, mit dessen Papieren Uwe B. unterwegs war. Der Mann weist jeden Verdacht zurück und sagt, die Dokumente seien ihm gestohlen worden.

Am Donnerstag ist außerdem der Name eines weiteren Rechtsextremisten hinzugekommen, der mit dem Trio in Kontakt gestanden haben könnte. Die Behörden in Nordrhein-Westfalen prüfen, ob der Polizistenmörder Michael Berger mit der Terrorgruppe in Verbindung gestanden hatte. Berger erschoss im Juni 2000 in Dortmund und dem nahen Waltrop eine Polizistin und zwei Kollegen. Kurz danach brachte sich der Neonazi um. Der Verfassungsschutz äußerte damals den Verdacht, Berger könnte vor dem Dreifachmord versucht haben, einen rechtsterroristischen Anschlag vorzubereiten.

Wie muss man sich das Zusammenwirken der drei Neonazis mit den Unterstützern im Untergrund vorstellen?

Holger G. soll, wie berichtet, seinen Reisepass und seinen Führerschein dem Trio zur Verfügung gestellt haben. Nach Informationen des Tagesspiegels fand die Polizei zudem im Bankschließfach von G. mehr als 25.000 Euro. Das Geld könnte, so vermuten Sicherheitsexperten, ein Teil der Beute aus den mindestens 14 Bankrauben sein, die mutmaßlich Uwe M. und Uwe B. begangen haben. Die Männer sollen von 1999 an insgesamt mehr als 600.000 Euro geraubt haben. Möglicherweise hat Holger G. auch versucht, bei einem bundesweit bekannten Anführer der Neonazi-Szene um Hilfe für das Trio zu werben. Die Behörden untersuchen nun, warum G. 1999 bei der Hochzeit des Anführers war, der später hochrangiger NPD-Funktionär wurde.

Bei Holger G. kommt hinzu, dass er das Wohnmobil gemietet hatte, mit dem Uwe M. und Uwe B. – und vielleicht auch Beate Z. – im April 2007 in Heilbronn unterwegs waren. Dort sollen Uwe M. und Uwe B. die Polizistin Michéle Kiesewetter erschossen und einen weiteren Polizisten schwer verletzt haben. Die Polizei stellte bei einer Kontrolle nach dem Mord das Wohnmobil sicher, allerdings ohne Folgen. Weder wurden die Insassen ermittelt noch der Mieter des Fahrzeugs, Holger G. – obwohl die Polizei in Heilbronn eine Soko „Parkplatz“ aufstellte und später auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg in die Fahndung nach den Mördern von Michéle Kiesewetter einstieg. Sicherheitsexperten sprechen heute von „unfassbarem Dilettantismus“.

Robert F. und seine Frau Gabi F. sollen dem Trio unter anderem mit gefälschten Bahncards ausgeholfen haben. Ein Mitglied des Trios, Uwe M., konnte sich außerdem als Robert F. ausgeben und so mit dem Namen des Komplizen tarnen. Schwerwiegender ist allerdings die Hilfe, die Robert F. dem Trio bei der Herstellung des unsäglichen Paulchen-Panther-Videos geleistet haben soll.

In dem 15-minütigen Film werden erschossene Opfer der Neonazis zusammen mit Sequenzen aus der Zeichentrickserie „Der rosarote Panther“ gezeigt. Robert F. betreibt eine Firma, die Videos produziert. Exemplare der DVD mit dem Film wurden im Brandschutt des Hauses in Zwickau gefunden, in dem das Trio seit 2008 gelebt hatte und das Beate Z. am 4. November anzündete. Die DVD wurde 2007 fabriziert. Mit dem Video wollte sich das Trio als Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ präsentieren. Der Schriftzug und die Abkürzung tauchen in dem Film öfter auf.

Andy S. hatte die von ihm gemieteten Wohnräume in dem Haus in Zwickau dem Trio zur Verfügung gestellt. Die Ermittler fanden zudem heraus, dass Uwe M. und Uwe B. mehrmals als Alias-Identität den Namen von Andy S. genutzt haben. Beate Z. gab sich zudem als Frau S. aus. Offen bleibt, ob Andy S. dem Trio nicht nur die Wohnräume vermietete, sondern auch bei anderen Aktivitäten behilflich war.

Was spielte sich genau in den letzten Minuten vor dem Selbstmord der zwei Neonazis ab?

Sicherheitskreise schildern folgendes Szenario: Uwe M. und Uwe B. überfallen am Vormittag des 4. November eine Filiale der Sparkasse im thüringischen Eisenach und erbeuten mehr als 70.000 Euro. Wie bei früheren Taten flüchten die Männer auf Fahrrädern zu einem entfernt abgestellten Wohnmobil. Die Polizei bekommt aus der Bevölkerung einen Hinweis, die Bankräuber könnten sich in dem Wohnmobil befinden. Ein Streifenwagen fährt zu dem Parkplatz, auf dem das Fahrzeug steht. Als sich die Beamten nähern, hören sie zwei Knallgeräusche. Aus dem Wohnmobil steigt Qualm auf.

Uwe M. und Uwe B. haben sich mit einer Pumpgun selbst getötet. Beide schossen sich in den Kopf. Es gebe keine Indizien, dass eine dritte Person die beiden Neonazis getötet habe, heißt es in Sicherheitskreisen. Auch Beate Z. sei nicht am Tatort gewesen, sondern in Zwickau. Nachdem Uwe M. und Uwe B. ihr per Handy mitgeteilt hatten, sich töten zu wollen, zündete die Frau das Haus an. An beiden Tatorten fand die Polizei insgesamt 19 Schusswaffen.

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