Politik : Rechts im Alltag

Einer Studie zufolge hat jeder sechste Ostdeutsche ein fremdenfeindliches Weltbild – Bürgerinitiativen versuchen, dagegen anzugehen.

Benedikt Peters
Auf der Straße: NPD-Anhänger demonstrieren 2010 in Anklam. Foto: imago Foto: IMAGO
Auf der Straße: NPD-Anhänger demonstrieren 2010 in Anklam. Foto: imagoFoto: IMAGO

Berlin - Die Zahlen haben viele Politiker aufgeschreckt. Und unisono fordern sie, mehr gegen Rechtsextremismus zu tun, vor allem in Ostdeutschland. Bürgerinitiativen dagegen sind weniger überrascht über das am Montag vorgestellte Ergebnis einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie: Danach habe beinahe jeder sechste Ostdeutsche heute ein „geschlossenes, rechtsextremes Weltbild“. Vor zehn Jahren noch waren es der Untersuchung zufolge 8,1 Prozent der Befragten. Damit hat sich die Zahl in diesem Zeitraum fast verdoppelt.

Wie erklärt sich dieser Anstieg? Die Forscher glauben, die Antwort zu kennen: Viele Teile Ostdeutschlands seien strukturschwach, die Arbeitslosigkeit dort sei hoch. Die Wissenschaftler sprechen in ihrer Studie von „zurückgelassenen Regionen“, die deshalb für rechtsextremes Gedankengut anfällig seien.

Zum Beispiel in Anklam. Die Stadt im Landkreis Vorpommern-Greifswald hat 14 000 Einwohner. Jeder Fünfte hat keinen Job. Die NPD ist mit zwei Sitzen im Stadtrat vertreten. Die Partei besitzt in Anklam viele Immobilien, verteilt Schultüten und unterhält den rechtsextremen „Pommerschen Buchdienst“, der bald zu einer öffentlichen Bibliothek werden soll.

Dass sich die Zahl der Menschen mit rechtsextremem Gedankengut in Ostdeutschland fast verdoppelt hat, ist für Annett Freier keine Überraschung. Sie betreibt in Anklam einen „Demokratieladen“, der zugleich als Sitz des Vereins „Demokratisches Ostvorpommern“ fungiert. „Die NPD gilt hier als eine moderne Partei, die die Leute berührt und sich um sie kümmert“, sagt Freier. In Anklam gebe es zudem rechte Kameradschaften, die ihre Ideologie mithilfe von Musik und Flugblättern verbreiteten. „Rechts sein, das ist in der Gegend einfach en vogue“, sagt Freier. Kaum jemand traue sich, gegen die Rechtsextremen vorzugehen – aus Mangel an Zivilcourage, aber auch aus Angst. Jugendliche, die gegen die Radikalen protestierten, würden immer wieder verprügelt.

Freier engagiert sich dennoch, hilft bei der Organisation von Musikfestivals, Filmprojekten oder Gegendemonstrationen, wenn rechtsextreme Aufmärsche geplant sind. Im Sommer hat sie das Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt“ mitgegründet, das verschiedene Initiativen gegen Rechtsextremismus vereint.

Allerdings glaubt Freier, dass noch weitere Anstrengungen notwendig sind. „Jugendliche müssen in der Schule lernen, was die NPD wirklich ist und wohin ihr ausländerfeindliches Programm führen würde.“ Dafür brauche man geschultes Personal, denn Lehrer und Schulleiter seien überfordert. „Sie fühlen sich oft allein gelassen.“

Auf sich selbst gestellt – so empfindet es auch Birgit Lohmeyer. Mit ihrem Mann lebt sie in Jamel, einem 40-Seelen-Dorf in der Gemeinde Gägelow im Landkreis Nordwestmecklenburg. Der Ort hat bereits als „braunes Jamel“ Schlagzeilen gemacht, zwei Drittel der Einwohner gelten als rechtsextrem. In den vergangenen Jahren seien immer mehr Neonazis in das Dorf gezogen, sagt Lohmeyer.

Die Lohmeyers richten jeden Sommer ein Rockfestival gegen rechts aus, was nicht folgenlos bleibt. „Wir werden beleidigt, unser Haus wird beschädigt“, erzählt Lohmeyer. Mal wurde der Gartenzaun eingetreten, mal der Briefkasten gestohlen. Vor kurzem habe eine Karikatur des Ehepaars am Ortseingangsschild gehangen, im Stil der NS-Propagandazeitung „Der Stürmer“. Dabei steht für Lohmeyer fest: „Niemand darf rechtsextreme Gewalt oder Schmierereien dulden.“

In Ostdeutschland gibt es aber auch Gemeinden, in denen rechtsextreme Tendenzen offenbar abnehmen. Im brandenburgischen Zossen etwa. Ein Sprecher verweist darauf, dass es weniger Aufmärsche und Schmierereien gebe als noch in den Vorjahren. Auch Jörg Wanke von der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ sieht „keine Zunahme“. Dennoch gebe es in Zossen Jugendliche, die in die rechte Szene abzugleiten drohten. Daher fordert er: „Wir brauchen eine flächendeckende, demokratische Jugendarbeit, um dem entgegenzuwirken.“ Benedikt Peters

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