Politik : Rechtschreibreform: Keine Rolle rückwärts - "Re-Reform" wird nichts (Kommentar)

Uwe Schlicht

Bitte, nur eins nicht: nicht nochmal eine wochenlange Diskussion um die Rechtschreibreform auf Talkshow-Niveau! Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wahrscheinlich - selbst wenn einige Medien ein Sommerloch-Thema daraus machen möchten. Denn Deutschland ist vertragstreu. Unter seiner Federführung wurde die Reform mit Österreich und der Schweiz vereinbart. Kein Jahrhundertwerk, gewiss, aber ein Reformversuch, bei dem die Sprachwissenschaftler und Kultusminister vor allem an die Schüler und Lehrer dachten. Die Bildungspolitiker aus Österreich und der Schweiz wollten es radikaler als die Deutschen haben: etwa die konsequente Kleinschreibung der Substantive. Auch sie hatten beobachtet, dass viele Schüler und Bürger sich in dem über Jahrzehnte gewachsenen Gestrüpp von Regeln und Ausnahmen, von Anpassung an den Sprachgebrauch, Unlogik und den Spitzfindigkeiten der Philologen nicht mehr zurechtfanden. Viel zu viel Zeit brauchten die Lehrer, um den Schülern die richtige deutsche Schriftsprache einzupauken. Und das mit zweifelhaftem Erfolg.

Wittern nun die konservativen Gegner der Reform eine Chance, die Reform rückgängig zu machen? Deutsche Kultusminister, österreichische und Schweizer Bildungspolitiker dementieren. Gespräche über die Auslegung der neuen Regeln und pragmatische Beobachtung der Sprachentwicklung - das ja. Aber mehr hat die internationale Kommission zur Begleitung der Rechtschreibreform nicht unternommen. Sie hat weder den Auftrag noch die Absicht, die "Reform der Reform" in die Wege zu leiten. Wo kämen wir hin, wenn eine internationale Vereinbarung nicht von Politikern, sondern von Wissenschaftlern verändert würde. Deutschland, eine akademische Bananenrepublik?

Zu viel Aufwand haben Schulbuchverlage, Lehrer und Eltern in eine bescheidene Reform investiert, die keine Revolution der deutschen Sprache gebracht hat, wohl aber Bewegung. Bis zum Jahr 2005 läuft zunächst die Übergangs- und Bewährungszeit - dann wird ein Resümee gezogen. Dann soll nicht mehr gelten, was bisher möglich ist: Dass alte und neue Schreibweisen nebeneinander existieren, ohne dass sich der eine Bürger vom anderen sagen lassen muss, er sei ungebildet, nur weil er nach der alten oder neuen Weise schreibt. Diese Übergangszeit war kein Kompromiss, sondern eine sinnvolle Verabredung. Diese Verabredung sollte man nicht wegen des Sommerlochs aufkündigen.

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