Rechtschreibung : Kultusminister suchen "Rechtschreibfrieden"

Im jahrelangen Streit um die Rechtschreibreform erhoffen sich die Kultusminister durch eine Fülle von Korrekturen nun einen neuen "deutschen Rechtschreibfrieden". Denn die Änderungsempfehlungen liegen nun vor.

Berlin - Dies erklärte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Ute Erdsiek-Rave (SPD/Schleswig-Holstein), bei der Entgegennahme der vom Rat für deutsche Rechtschreibung erstellten Änderungsempfehlungen. Die Kultusminister wollen darüber am Donnerstag in Berlin offiziell entscheiden. Erdsiek-Rave wollte dem Votum nicht vorgreifen, sagte aber: "Voraussehbar wird es Zustimmung geben."

Der mit Experten aus dem gesamten deutschsprachigen Bereich besetzte Rat unter Vorsitz des früheren bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair (CSU) hatte in einjähriger Arbeit Korrekturvorschläge für die besonders strittigen Bereiche der 1996 beschlossenen Reform erstellt. Dazu zählen Teile der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Silbentrennung.

So soll nach den Empfehlungen wieder mehr zusammengeschrieben werden - vor allem dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie "abwärtsfahren", "aufeinanderstapeln" oder "querlesen". Bei feststehenden Begriffen wie "der Blaue Brief", "der Runde Tisch", "das Schwarze Brett" soll wieder "dem allgemeinen Schreibgebrauch" gefolgt und groß geschrieben werden. Die verabschiedete Rechtschreibreform sah hierbei nur noch wenige Ausnahmen vor ("Heiliger Vater"). Verbindlichere Komma-Regeln sollen wieder für ein besseres Leseverständnis sorgen, sagte Zehetmair.

Die KMK-Präsidentin hofft, dass es mit den Korrekturen jetzt wieder eine "verbindliche Grundlage für eine einheitliche Rechtschreibung in allen deutschen Schulen ab dem neuen Schuljahr 2006/2007 gibt". Während in den Schulen von 14 Bundesländern die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform bereits seit dem 1. August 2005 verbindlich sind, hatten Bayern und Nordrhein-Westfalen die Umsetzung der Reform zunächst ausgesetzt. Für die Übernahme der erneuten Änderungen soll in den Schulen wieder eine einjährige Toleranzfrist gelten, bei der Fehler vom Lehrer zwar kenntlich gemacht, aber nicht gewertet werden sollen.

Erdsiek-Rave sprach von insgesamt "moderaten Änderungen". Ein völliger Austausch der Schulbücher sei nicht nötig. Sie sollten im üblichen Turnus erneuert werden. Zehetmair sagte, der Rat für deutsche Rechtschreibung sei bei seinen Vorschlägen "keinen leichten Weg" gegangen. Man habe dabei Auseinandersetzungen mit "den Puristen" der verschiedenen Lager führen müssen. Während die eine Seite den alten Zustand vor der Reform wiederherstellen wollte, habe die andere Seite an jeder Neuerung der Reform festhalten wollen. Doch weder die eine noch die andere Auffassung sei mehrheitsfähig. Demokratie lebe vom Dialog und vom Kompromiss. Gut 50 Mal sei im Rat über Änderungen mit Zwei- Drittel-Mehrheit entschieden worden.

Während die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die zuvor zu den entschiedenen Reformkritikern zählte, die Korrekturvorschläge begrüßte, signalisierten die in der Forschungsgruppe Deutsche Sprache versammelten Reformgegner erneut Ablehnung. "Von hundert reformierten Wörtern blieben ungefähr 97 bis 99 von der Zehetmair-Reform unberührt." Auch der "Rechtschreibrebell" Friedrich Denk aus Weilheim (Bayern), der zahlreiche Autorenproteste gegen die Rechtschreibreform organisiert hatte, bleib bei seiner Kritik. "Von Kompromiss und Rechtschreibfriede kann keine Rede sein, eine halbwegs brauchbare und stabile Reformschreibung ist nicht in Sicht", sagte Denk.

Der Germanist und prominente Reformkritiker Peter Eisenberg, der die Akademie für Sprache und Dichtung im Rat vertreten hatte, sagte dagegen der dpa: "Das läuft wieder auf die alte Rechtschreibung zu." Es gebe "substanzielle Schritte in die richtige Richtung."

Als völlig offen bezeichnete Eisenberg die Frage, wie der Rat seine künftige Aufgabe einer permanenten Sprachbeobachtung erfüllen solle. "Der Rat, so wie er ist, kann das nicht", sagte er. Dies liege vor allem daran, dass ihn die Kultusminister mit keinerlei Ressourcen ausgestattet habe. "Da muss unbedingt ganz schnell eine Lösung gefunden werden." Der Rat ist von den Kultusministern zunächst für sechs Jahre eingesetzt worden und soll die Entwicklung der Rechtschreibung auch weiterhin verfolgen. (tso/dpa)

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