Rechtsextreme Gewalt : Dem Hass auf der Spur

Sie hörte die Worte, aber begriff nicht: Leyla, das Haus deiner Eltern brennt! Mit dem NSU-Prozess kehrt die Erinnerung an den rechtsextrem motivierten Brandanschlag auf ihre Familie wieder.

Susanne Faschingbauer
Verdrängt. Vier Menschen starben bei dem Brandanschlag am 17. Dezember 1988 in Schwandorf.
Verdrängt. Vier Menschen starben bei dem Brandanschlag am 17. Dezember 1988 in Schwandorf.Foto: Gerhard Götz/dpa

Seit 25 Jahren hat ihre Familie nicht gefeiert, und nun sollen sechshundert Gäste kommen. Was das wohl werden wird? Wie sich das anfühlen wird für Leyla Kellecioglu, die 44-jährige Frau in Schwandorf? Aber endlich gibt es wieder einen fröhlichen Anlass. Ihr jüngerer Sohn hat eine Frau gefunden. Er will sie heiraten, und weil es eine türkische Hochzeit ist, werden viele Verwandte erwartet. Aber ein bisschen geht es auch darum, mit dem Fest einen Schatten zu vertreiben.

Diesen Schatten sieht man Leyla Kellecioglu nicht an. Mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie in einem Einfamilienhaus mit Garten und Teich. Leyla Kellecioglu sitzt im Wohnzimmer. Es ist still, die Tochter ist in der Schule, ihre beiden Söhne und der Mann arbeiten. Die Nachbarschaft in der bayerischen Kreisstadt ist deutsch. In einem Mehrfamilienhaus mit vielen türkischen Klingelschildern wollte sie nie mehr wohnen, sagt sie.

Manchmal sind Klingelschilder ein Verhängnis.

Wie an jenem 17. Dezember 1988, als Leyla Kellecioglu weit nach Mitternacht in der Küche ihrer Wohnung saß. Gleich wollte sie sich schlafen legen, zu ihrem Mann und ihrem einjährigen Sohn. Dann heulten die Sirenen. Erst leise, dann immer lauter, bis sie ganz nah waren. „Es brennt!“, rief ein Junge von der Straße. „Leyla, das Haus deiner Eltern brennt!“

Sie hörte, aber begriff die Worte nicht. Ein Klopfen riss sie aus ihrer Erstarrung, jemand stand vor der Tür. Sie stand auf, schlüpfte benommen in Schuhe, warf sich einen Mantel über, und wie sie das heute wieder erzählt, erscheint es, als sei es eben erst geschehen. Es war der Schwager, der im selben Haus wohnte und der nun an ihre Tür schlug. Gemeinsam rannten sie hinaus in die Winternacht. Leyla Kellecioglu spürte die eisige Kälte. Sie atmete schwer, sie war im sechsten Monat schwanger. Hinter ihr, an einer Hauswand, klebte ein Aufkleber, ein Hakenkreuz, „Türken raus!“.

Die Waise Leyla Kellecioglu.
Die Waise Leyla Kellecioglu.Foto: Faschingbauer

Das Haus ihrer Eltern lag nur zwei Straßenecken entfernt. Sie blieb stehen, erstarrt von dem, was sie sah: Flammen schlugen aus den Fenstern, schwarzer Rauch quoll aus dem Dach. Zwei Menschen hielten sich am Fenstersims fest, erster Stock, ließen sich in die Hände von Helfern fallen. Eine Familie mit zwei Kindern stieg über eine Drehleiter aus dem brennenden Gebäude. Wo sind meine Eltern? Mein Bruder? Leyla Kellecioglu schrie. Rettet meine Familie! Die bewohnte drei Zimmer im zweiten Stock, in denen es ebenfalls loderte. Sie hielt ihre Hand schützend vor die Augen. Ein Sanitäter schickte sie weg, es sei gefährlich, auch für das Ungeborene.

Vier Menschen sind bei dem Brand erstickt, man fand sie später in den Trümmern: Osman und Fatma Can, 50 und 44, deren Sohn Mehmet, 12, und der Deutsche Jürgen Hübener, 47. Zwölf weitere Bewohner konnten aus den Flammen gerettet werden, manche schwer verletzt. Später wird es heißen, dass ein Funke aus einem der Öfen gesprungen sei und den Brand verursacht habe. Doch die Kriminalpolizei verfolgt bald eine andere Spur. In Schwandorf wird Josef Saller festgenommen, ein stadtbekannter Neonazi.

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