Rechtsextreme im Netz : Socializing Nazis

Sie sind subtil, suggestiv und dennoch simpel, weil sie stets dasselbe Denkmuster verfolgen. Deutschsprachige rechtsextreme Websites haben sich im Internet ihre Nische geschaffen und halten sich dort hartnäckig. Der Zulauf ist nicht unerheblich, obwohl es kaum zuverlässige und glaubhafte Zugriffszahlen gibt.

Nadine Lantzsch

Rechtsextremismus ist im modernen Internet angekommen. Zwar kommunizieren viele Neonazis und Ultra-Rechte noch häufig über versteckte Foren, Mailinglisten und Chats, aber der Wunsch, eine breite Masse an potenziellen Leser anzusprechen, führt die Betreiber solcher Seiten heraus aus der Anonymität mitten ins Web 2.0.

Was einst noch die statische HTML-Seite war, wird jetzt zum Blog mit moderner, ansprechender Optik. Dadurch wandelt sich auch die inhaltliche Struktur: In regelmäßig erscheinenden Beiträgen finden sich eingebettete Videos und Links, die als Anschauungsmateriel, Quellenangaben und Beweismittel zugleich dienen und gefühlte Bestätigung hervorrufen. Offenbar hat der Autor für seinen Artikel recherchiert und will den Leser an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Das Portal bekommt so den Touch einer professionellen Nachrichtenseite, angereichert mit diversen Netzfundstücken. Der Leser hat die Möglichkeit zu kommentieren und somit seinen Teil zum Nachrichtenwert der Seite zu leisten und ist zugleich Initiator für neue Artikel. Partizipation ist das Stichwort. Schnell fühlt man sich gehört, verstanden und ernst genommen.

Verbindung herstellen

Für die rechtsextreme "Weiterbildung" bieten die jeweiligen Seiten einen Multimediapool von der "Schulhof-CD" als MP3-Datei bis zum aktuellen Parteiprogramm der NPD im PDF-Format. Ein integrierter Feedreader sammelt per Stichwortsuche alle Beiträge aus dem Internet zu bestimmten Themen. Einfach produzierte Informationsmasse und weltweite Vernetzung suggeriert Verbundenheit und Schlagkraft: "Hey, wir sind nicht allein mit unserer Meinung". Der Politologe und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen, Thomas Pfeiffer, findet eine simple wie logische Erklärung für das Phänomen des Socializing rechtsextremer Websites: den Wunsch, "eine Verbindung herzustellen". Die Verbindung der Seiten und ihren Gruppen untereinander und die Verbindung zum Leser. Die Top-Down-Kommunikation wird aufgelöst. Einen Mausklick entfernt sind nun die potenziellen Wähler und Gesinnungsgenossen.

Da fällt die Interaktion umso leichter: Petitionen gegen den nächsten Moscheebau flink online unterschreiben, Flyer und Sticker für wenig Geld bestellen und ein paar Tage später in der eigenen Stadt verteilen. Nicht ohne Grund gratis downloadbar sind die "Schulhof-CDs": CD-Rohlinge kosten umgerechnet rund 15 Cent das Stück. Im digitalen Format lässt sich solch eine MP3-Datei auch leicht auf diverse Server laden oder per Email verschicken. Rechtes Gedankengut wird dank Unterstützung der Leser einer noch breiteren Masse ohne technische Barrieren zugänglich gemacht.

Die Rebellen und die Bürgerlichen

Zwar bieten rechtsextreme Seiten fast schnittmengengenaue Kontexte, doch unterscheiden sie sich in der Art und Weise der Darstellung dieser. Pfeiffer trennt in zwei wesentliche Zielgruppen: "Webseiten, die vor allem eine junge Zielgruppe ansprechen wollen, kennzeichnen sich durch Aktionismus und eine zynische, rebellische Sprache. Dem gegenüber steht die Zielgruppe der älteren, durchschnittlich gut gebildeten und materiell besser gestellten Leserschaft." Während letztere durch eine seriös-bürgerliche Wortwahl und ein eher biederes Design in die Seite gezogen werden sollen, braucht die Jugend wesentlich mehr Provokationspotenzial.

Trotz der steigenden Professionalisierung der einzelnen Webseiten ist kein Trend zu wesentlich mehr Internetauftritten erkennbar. "Zurzeit gibt es etwa 1000 rechtsextreme Seiten im Netz. Diese Zahl ist seit einigen Jahren relativ stabil", sagt Verfassungschützer Pfeiffer. Dennoch gibt er zu bedenken, dass das eine Stagnation auf hohem Niveau sei. Viele rechtsextreme Seiten sind in Deutschland gehostet und werden von Deutschen betrieben. Der Verfassungsschutz hat diese Seiten genau im Auge, weil die Betreiber nach deutscher Rechtssprechung bei Volksverhetzung und Rassismus strafrechtlich belangt werden können. Die Betreiber allerdings wissen um diese Tatsache und geben sich in ihrer Wortwahl geschickt. "Es gibt eine starke Tendenz zu Andeutungen und Propaganda-Tarnung", erklärt Pfeiffer. Einige Inhalte seien eindeutig, dennoch knapp unter der Grenze des Gesetzverstoßes.

Rechtsextreme Seiten wandern in die USA

Wer darauf keine Rücksicht nehmen und seine Propaganda offen und aggressiv verbreiten will, zieht sich schnell in die Anonymität und ins Ausland zurück. In Deutschland besteht nämlich Impressumspflicht für Blogs und Internetseiten. Verantwortlich für die Inhalte und Kommentare zu den Beiträgen ist der Betreiber. Dieser muss im Falle eines Rechtsverstoßes zu ermitteln sein. Deshalb befinden sich die Server einiger rechtsextremer Seiten in den USA, die Betreiber selbst sind Unbekannte. Autoren geben sich selten mit ihrem Klarnamen zu erkennen. Ein Impressum gibt es nicht, ebenso keine Emailadressen, Telefonnumern, Ansprechpartner, etc. In den Vereinigten Staaten lässt das Internetrecht wesentlich mehr Freiräume zu und die Rechtssprechung der Bundesrepublik hat keine Verfügungsgewalt, selbst wenn die Seite deutschsprachig ist. Das hat mit der Zeit dazu geführt, dass US-amerikanische Neonazis vermehrt als Internetprovider in Erscheinung treten, um ihren deutschen "Kollegen" virtuellen Unterschlupf zu gewähren.

Doch der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus im Internet ist nicht aussichtslos. jugendschutz.net kämpft mit internationalen Kooperationen, medienpädagogischer Auseinandersetzung und Aufklärungsarbeit, dauerhafter Suche nach Seiten mit gefährdenden Inhalten und entsprechenden Gegenmaßnahmen seit zehn Jahren erfolgreich gegen rechtsextreme Internetangebote.

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