• Rechtsextremer Hintergrund: Mutmaßlicher Attentäter soll 1500-seitiges "Manifest" veröffentlicht haben
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Rechtsextremer Hintergrund : Mutmaßlicher Attentäter soll 1500-seitiges "Manifest" veröffentlicht haben

Der mutmaßliche norwegische Attentäter hat nach Medienangaben vor den Anschlägen ein 1500 Seiten umfassendes „Manifest“ verfasst und im Internet veröffentlicht.

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Trauer vor der Insel Utøya.Weitere Bilder anzeigen
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25.07.2011 07:18Trauer vor der Insel Utøya.

Wie die Nachrichtenagentur NTB am Samstagabend meldete, soll das Buch unter dem Titel „2083. A European Declaration of Indepence“ unter dem Pseudonym Andrew Berwick veröffentlicht worden sein. Es handele unter anderem von „Rassenkrieg“ und der Frage, wie Europa sich von Zuwanderern befreien könne. Als letzter Eintrag sei vermerkt: „Ich glaube, dies ist der letzte Eintrag, den ich schreibe, Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51.“ Gut zweieinhalb Stunden später detonierte im Osloer Regierungsviertel eine Bombe, durch die mindestens sieben Menschen starben. Danach tötete der Attentäter auf einer Insel in einem Sommerlager mindestens 85 Jugendliche durch Schüsse. Am Ende ließ sich der 32-jährige Norweger von Antiterror-Spezialisten ohne Gegenwehr festnehmen.

Nach offiziell nicht bestätigten Angaben der Zeitung „VG“ unter Berufung auf Polizeikreise soll der Mann bei Verhören bestätigt haben, dass er das Material im Internet ausgelegt hat. Es umfasse auch ein bei YouTube angelegtes Video mit einer „Zusammenfassung“.

Der Massenmord an mehr als 90 Menschen in Norwegen hat dem skandinavischen Land einen schweren Schock versetzt. „Eine paradiesische Insel wurde zur Hölle. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat unser Land nicht so ein schweres Verbrechen gesehen“, sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg zu dem Massaker auf Utöya nahe der Hauptstadt, wo der Täter mindestens 85 Jugendliche kaltblütig erschoss. Die Jugendorganisation der regierenden Arbeiterpartei hatte dort ein Ferienlager veranstaltet.

Kurz zuvor war im Osloer Regierungsviertel eine Bombe explodiert und hatte mindestens sieben Menschen in den Tod gerissen. Die Polizei geht davon aus, dass der Todesschütze von Utöya auch die Bombe gezündet hat. Offen ist, ob er allein handelte oder Komplizen hatte. Bei der Pressekonferenz des Ministerpräsidenten am Morgen wurde ein weiterer Mann im Alter zwischen 16 und 17 Jahren mit einem Messer verhaftet. Der Jugendliche soll den Beamten gesagt haben, dass er Mitglied der Sozialdemokraten sei, und das Messer zu seinem Schutz trage, meldete die Tageszeitung „Dagbladet“.

Die Zahl der bei dem Doppelanschlag getöteten Menschen könnte noch steigen, da noch Schwerverletzte in Krankenhäusern behandelt wurden und auch am Abend noch Jugendliche vermisst wurden. Der von der Polizei festgenommene 32 Jahre alte Verdächtige, dessen Name mit Anders Behring Breivik angegeben wurde, ist Norweger. Er soll ein christlicher Fundamentalist mit rechtsextremistischem Gedankengut und von 1999 bis 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FrP) und ihrer Jugendbewegung gewesen sein. Am Abend legte der Mann ein Teilgeständnis ab. Oslos Vize-Polizeichef Sveinung Sponheim sagte: „Er hat gestanden, dass er auf Utöya war und Schüsse abgefeuert hat.“ Über sein Motiv habe er geschwiegen. Auf seiner mittlerweile gesperrten Facebook-Seite hatte er angegeben, sich für Bodybuilding, konservative Politik und Freimaurerei zu interessieren. Nach Medienberichten hatte der 32-Jährige am 17. Juli in seinem Twitter-Account ein Zitat des Philosophen John Stuart Mill hinterlassen: „Eine einzelne Person mit einer Überzeugung ist so mächtig wie Hunderttausende, die nur Interessen verfolgen.“ Er wolle nicht über die Motive spekulieren, sagte Ministerpräsident Stoltenberg. Norwegen habe Probleme mit Rechtsextremen. „Aber verglichen mit anderen Ländern würde ich nicht sagen, dass wir ein großes Problem mit ihnen haben.“

Anschläge in Norwegen: Reaktionen von Papst Benedikt XVI bis Wowereit
Papst Benedikt XVI hat die Anschläge von Norwegen als "Akte sinnloser Gewalt" verurteilt. Den Familien der Opfer sprach er in einem Telegramm sein Beileid aus. Er werde die Opfer und ihre Angehörigen in seine Gebete mit einschließen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dpa
24.07.2011 15:48Papst Benedikt XVI hat die Anschläge von Norwegen als "Akte sinnloser Gewalt" verurteilt. Den Familien der Opfer sprach er in...

Nur wenige Stunden nach der Explosion in der Osloer Innenstadt betrat der mutmaßliche Täter nach bisherigen Ermittlungsergebnissen in Polizeiuniform und bewaffnet die kleine Insel Utöya. Nach Polizeiangaben hat er mehr als 90 Minuten auf die rund 600 Jugendlichen geschossen. Er hatte angegeben, wegen des Anschlags in Oslo die Sicherheit überprüfen zu wollen. Später fand die Polizei nicht detonierten Sprengstoff auf der Insel, der wahrscheinlich dem Attentäter gehörte. Der mutmaßliche Täter hatte sich in einem Dorf als Gemüsebauer niedergelassen. Er habe dort auch ein Laboratorium zur Sprengstoffherstellung eingerichtet, das von der Polizei in der Nacht zum Sonntag untersucht worden sei. Eine Handelskette für landwirtschaftlichen Bedarf teilte mit, der Mann habe am 4. Mai sechs Tonnen Dünger gekauft. Die Menge sei für einen solchen Betrieb nicht ungewöhnlich. Dünger kann auch zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

In deutschen Sicherheitskreisen hieß es, die Behörden prüften, ob es zwischen dem mutmaßlichen Attentäter und deutschen Neonazis eine Verbindung gibt. Bislang liegt aber noch kein Ergebnis vor. Es hieß weiter, dass diese Prüfung automatisch erfolgt sei, da es bekanntlich in der rechtsextremen Szene der Bundesrepublik Verbindungen nach Skandinavien gebe. Diese Kontakte beschränken sich aber vor allem auf dänische und schwedische Neonazis. Sicherheitskreise sagen, es werde jetzt genau beobachtet, welches Echo der Doppelanschlag von Norwegen bei den gewaltbereiten deutschen Rechtsextremisten finde. Bislang sehen deutsche Sicherheitsexperten aber nur punktuell terroristische Tendenzen in der hiesigen rechtsextremen Szene. Als Beispiel wird der Versuch von Aachener Neonazis genannt, die 2010 in Berlin mit Sprengsätzen versuchten, zum Aufmarsch zum 1. Mai zu gelangen. (mit dpa/rtr)

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