• Rechtsextremismus: Der Kriminologe Pfeiffer: Warum die Täter immer jünger werden und der "Rambo-Fantasiewelt" erliegen

Politik : Rechtsextremismus: Der Kriminologe Pfeiffer: Warum die Täter immer jünger werden und der "Rambo-Fantasiewelt" erliegen

Frank Jansen

Gerademal 14 Jahre alt ist der jüngste der vier Skinheads, die den Brandanschlag auf das Flüchtlingsheim in Ludwigshafen verübt haben. Auch die Mittäter sind mit 15, 16 und 18 Lebensjahren erschreckend jung. In den zahllosen Polizei-Meldungen zu rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Delikten sind denn auch Jugendliche die am häufigsten genannte Gruppe von Tatverdächtigen. Allerdings rechnen die Behörden oft auch 18- und 19-Jährige hinzu. Trotzdem zwingt sich die Frage auf, warum das Einstiegsalter bei rechten und anderen Gewaltstraftaten sinkt.

"Vor etwa fünf Jahren haben Jugendliche die Gruppe der 18- bis 21-jährigen Täter überholt", sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Dies gelte indes europaweit für typische Delikte wie beispielsweise Schlägereien. Pfeiffers Erklärung: Soziale Gegensätze nehmen gerade unter Jugendlichen krasse Formen an - und ein Ausweichen ist kaum möglich. In Schulen, Jugendklubs und Diskotheken stoßen junge Leute mit wenig Taschengeld auf Altersgenossen, die sich von elektronischem Spielzeug über Mountainbikes bis zu teurer Kleidung fast alles leisten können. "Es hat sich eine Winner-Looser-Kultur etabliert", sagt Pfeiffer. Die Zuwanderung relativ armer Ausländer- und Aussiedlerfamilien habe die Gegensätze noch verschärft.

Laut Pfeiffer hat sich jedoch Jugendgewalt auf einem hohen Niveau "stabilisiert". Durch die Abnahme von Arbeitslosigkeit und den nachlassenden Zustrom von Asylbewerbern und Aussiedlern würden soziale Spannungen gedämpft. "Da ist ein leichter Hoffnungsschimmer am Horizont." Dies müsse aber nicht auf die rechte Szene zutreffen, warnt der Kriminologe, der vor zwei Jahren mit seinen Thesen über den Zusammenhang von autoritärer staatlicher Erziehung in der DDR und rechter Gewalt in den neuen Ländern reichlich Aufsehen erregt hatte. Dass die Subkultur junger Neonazis wachse "und Dienstleistungen erbringt", sei auch in Westdeutschland zu erkennen. Tendenzen zur Bildung einer rechtsextremen Parallelgesellschaft sieht Pfeiffer jedoch vor allem im Osten. "Dort gibt es eine sehr breite Schicht, die mit heimlichem Wohlwollen das Treiben der jungen Rechten betrachtet."

Das "Krisensymptom der Männlichkeit" ist nach Beobachtung Pfeiffers in den neuen Ländern ebenfalls stärker verbreitet. "Die Diskrepanz zwischen der auf kooperatives Verhalten angelegten Berufswelt und der Rambo-Fantasiewelt der Medien" irritiere vor allem den maskulinen Teil der Jugend. Die Folge: Rückzug in Männerbünde, "die saufen, sich schlagen und durch dick und dünn zusammenhalten". Weibliche Teenager reagierten anders. "Es gibt eine Mädchenflucht im Osten", sagt Pfeiffer, "die weiblichen Jugendlichen gehen hin, wo die Jobs sind." Jungen blieben trotz Ausbildungskrise in der heimischen Macho-Subkultur hocken - "und sind anfälliger für rechte Milieus."

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