Rechtsextremismus : Hetzjagd auf Inder: Die Polizei war gewarnt

Ein Mob jagt nach einem Fest acht Inder durch die sächsische Kleinstadt Mügeln und verletzt sie. Nur ein Großaufgebot der Polizei verhindert Schlimmeres. Der Bürgermeister sagt, er habe davor gewarnt, dass es "Probleme" geben könnte.

Philipp Lichterbeck
Hetzjagd auf Inder
Mügeln: Polizisten in der Innenstadt. -Foto: dpa

Mügeln/BerlinDie Hetzjagd auf acht Inder in der sächsischen Kleinstadt Mügeln kam offenbar nicht überraschend. Der Bürgermeister des 5000 Einwohner zählenden Ortes hatte die Polizei schon vor dem Altstadtfest gewarnt, dass es „Probleme“ geben könnte. „Die waren informiert“, sagte Bürgermeister Gotthard Deuse. In dem Ort selbst seien ihm aber keine organisierten Rechtsradikalen bekannt.

In der Nacht auf Sonntag wurden acht indische Besucher eines Altstadtfestes von 50 teils betrunkenen Deutschen durch die Stadt gehetzt. Sie gehen mit Reizgas, Bierflaschen und auch einem Messer auf die Inder los. Diese suchen in einer nahe gelegenen Pizzeria Zuflucht, die einer von ihnen betreibt. Die Verfolger skandieren Parolen wie: „Ausländer raus“ oder "Hier regiert der nationale Widerstand“. Auch "Türken raus", soll gerufen worden sein. Die Angreifer versuchen, die Tür zur Pizzeria einzuschlagen und demolieren das Auto des Besitzers. Die Polizei muss mit 70 schwer ausgerüsteten Beamten in Mügeln einrücken, um die Inder vor dem Mob zu schützen. Einer von ihnen wird dennoch schwer verletzt. Die Bürger der Kleinstadt schauen zu, einige sollen sogar applaudieren. Der Restaurantinhaber sagt später: „Wäre die Polizei nicht gekommen, hätte hier noch viel Schlimmeres passieren können.“

"Plötzlich war mal was los", sagt der leitende Polizist

Die Polizei selbst macht die Vorfälle erst 20 Stunden, nachdem sie in der Nacht auf Sonntag passiert sind, öffentlich. Sie geht bisher nicht von einem ausländerfeindlichen Motiv aus, weiß aber, dass "Alkohol um diese Uhrzeit" – es war nach Mitternacht - „eine Rolle“ gespielt hat. „Plötzlich war mal was los“, kommentiert der Leiter des Direktionsbüros bei der Polizei in Westsachsen, Reinhard Böttcher, die Hetzjagd in dem zwischen Riesa und Grimma gelegenen Örtchen.

Auslöser war offenbar eine Rangelei zwischen Deutschen und den Indern, zu der es während des Altstadtfests auf der Tanzfläche gekommen war. Neun Ermittler der Polizei versuchen nun, den genauen Ablauf der Auseinandersetzung zu rekonstruieren. Bislang sei es aber wegen der großen Anzahl der Beteiligten nicht gelungen, unter den Besuchern des Stadtfestes den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen. Es handle sich aber um mindestens fünfzehn, sagte die Polizei. Zwei Männer im Alter von 21 und 23 Jahren seien am Sonntag vorläufig festgenommen worden. Gegen sie bestehe zwar weiter ein dringender Tatverdacht, doch sie befinden sich wieder auf freiem Fuß.

In Mügeln gibt es eine aktive rechte Szene

Anderen - von der Polizeiversion abweichenden - Berichten zufolge betrieben die Inder auf dem Fest einen Stand, der von den Jugendlichen ganz gezielt angegriffen worden sei. Offenbar wurde schon vor dem Fest eine E-Mail an den Mügelner Jugendklub geschrieben, in der vor einem Überfall auf den Klub gewarnt wird. Davon habe die Polizei aber erst später erfahren, sagte ein Sprecher. Der Opferschutzverein Netzwerk demokratische Kultur gab bekannt, dass es in Mügeln zwar keine rechtsradikalen Kameradschaften aber eine aktive rechte Szene gebe.

Ein schwer verletzter Inder liegt heute noch im Krankenhaus, außerdem wurden drei weitere Inder, zwei Polizisten und zwei Deutsche teils schwer verletzt. 14 Menschen erlitten Blessuren, die meisten durch Schnitte. (mit AFP/dpa)

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