Politik : Rechtsextremismus in den USA: Besonderes Merkmal: Gewaltbereit

Frank Jansen

Sie heißen Aryan Nations, Hammerskins, Ku Klux Klan oder World Church of the Creator - in den USA tummeln sich etwa 500 rechtsextremistische Gruppen und Sekten. Als besonderes Merkmal gilt die Gewaltbereitschaft. Sie ist noch stärker ausgeprägt als in der deutschen Szene. In welchem Maße in den USA die öffentliche Sicherheit gefährdet wird, war spätestens im April 1995 klar: 168 Menschen kamen ums Leben, als der Neonazi Timothy McVeigh in Oklahoma City ein Bürogebäude in die Luft sprengte.

Der Bombenanschlag von Oklahoma City werde "von einer Mehrheit der amerikanischen Rechtsextremisten positiv bewertet", schreibt der Politikwissenschaftler Thomas Grumke in seiner Dissertation, die er 1999 bei der Europa-Universität Frankfurt (Oder) eingereicht hat. Das akribisch recherchierte Werk ist nun als Buch erschienen - und die Lektüre beunruhigt. "Wie das Beispiel Timothy McVeigh zeigt, ist eine aktive Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Gruppe oder auch nur der persönliche Kontakt zu anderen aktiven Rechtsextremisten nicht erforderlich, um (...) einen terroristischen Anschlag zu verüben." Grumke beschreibt damit ein Konzept rechtsextremer Militanz, das auch deutsche Neonazis interessiert: Einzelkämpfer oder Kleinstgruppen praktizieren leaderless resistance, ohne organisatorische Verbindung untereinander. Der Verzicht auf Führer und Vereinsstrukturen soll den Sicherheitsbehörden die Unterwanderung der Szene und nach Straftaten den Zugriff erschweren.

Grumke beschreibt auch Verbindungen der amerikanischen Szene zu deutschen Rechtsextremisten. So pflegt die "National Alliance" (NA) von William Pierce Kontakte zur NPD. Grumke hält die elitäre NA für eine der aktivsten und bestorganisierten Gruppierungen der extremen Rechten in den USA. Anführer Pierce kommt ab und zu nach Deutschland und trat etwa im Februar 1998 bei einer NPD-Veranstaltung in Passau auf.

Als weitere Komponente nennt Grumke die fanatische Religiosität, der sich ein Teil der rechten Szene hingibt. Zur "Christian Identity" mit diversen Kirchen bekennen sich laut Grumke etwa 50 000 Amerikaner. Sie glauben an die Überlegenheit der "arischen Rasse", fantasieren von einer jüdischen Weltverschwörung und erwarten die baldige Apokalypse.

Mit Grumkes Buch ist eine der Lücken geschlossen worden, die sich regelmäßig bei der Suche nach kompetenter Literatur über Rechtsextremismus jenseits der Bundesrepublik auftun. Ein Detail überrascht allerdings: Obwohl sich Grumke in Treffen und Telefonaten dem Fanatismus amerikanischer Rechtsextremisten ausgesetzt hat, bedankt er sich bei mehreren namentlich genannten Führungsfiguren "für ihre Kooperation und ihre Bereitschaft, mit mir zu kommunizieren". Es dürfte jedoch fraglich sein, ob diese Leute nach der Lektüre von Grumkes Buch noch einmal zur Verfügung stehen.

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