Rechtsextremismus : Jürgen Rieger: Der reiche Onkel der Neonazis

Was der Tod von NPD-Vizechef Jürgen Rieger, einer zentraler Figur der rechtsextremen Szene, für die deutschen Neonazis bedeutet.

Frank Jansen
Jürgen Rieger Foto: ddp
Jürgen Rieger.Foto: ddp

Die rechtsextreme Szene ist geschockt. „Der Anwalt für Deutschland – Jürgen Rieger – ist tot!“ verkündete NPD-Vorstandsmitglied Thomas Wulff am Donnerstag auf Riegers Homepage. Wulff gab den schwülstigen Ton vor, mit dem nun die „Kameraden“ des Hamburger Anwalts und stellvertretenden Vorsitzenden der NPD gedenken, den Verfassungsschützer als eine zentrale Figur des rechtsextremen Spektrums bezeichnen. Gegen Mittag habe Riegers „starkes Kämpferherz“ aufgehört zu schlagen, schrieb Wulff. Er war mit Rieger am Sonnabend in ein Berliner Krankenhaus gefahren, nachdem der 63-Jährige bei einer Sitzung des NPD-Vorstands einen Schlaganfall erlitten hatte.

„Wir alle haben einen aufrechten und unerbittlichen Kämpfer für ein besseres Deutschland verloren“, trauert Parteichef Udo Voigt, „ein Großer ist von uns gegangen, ein Riese ist gefallen“, deklamiert im Internet Christian Worch, ein Häuptling der Neonazis. Den Demokraten hingegen wird Rieger, der Millionär gewesen sein soll, als einer der schlimmsten braunen Plagegeister in Erinnerung bleiben. Mit Kinnbärtchen trat er als reicher Szene-Onkel auf und erschreckte Kommunen, in denen er Immobilien erwerben und zu Schulungszentren umfunktionieren wollte. Exemplarisch war der Kampf, den Rieger 2006 mit der niedersächsischen Stadt Delmenhorst um ein leer stehendes Hotel führte – und verlor, weil die Kommune und Bürger tief in die Tasche griffen, um das Gebäude für drei Millionen Euro zu kaufen.

Zuletzt hatte sich Rieger mit Wolfsburg angelegt, wo er ein „Museum“ zur Erinnerung an die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ einrichten wollte. Außerdem besetzten Neonazis in der Gemeinde Faßberg (ebenfalls Niedersachsen) im Juli einen früheren Gasthof, auf den Rieger Ansprüche geltend machte.

Der Anwalt war auch weitgehend verantwortlich für den Psychoterror, den die bayerische Kleinstadt Wunsiedel erdulden musste. Ende der achtziger Jahre und von 2001 bis 2004 zog Rieger einmal im August mit hunderten, dann tausenden Neonazis aus dem In- und Ausland durch die Kommune, um den dort begrabenen Stellvertreters Hitlers in der NSDAP, Rudolf Heß, zu glorifizieren. Seit 2005 ist der „Gedenkmarsch“ verboten. Wunsiedel atmete auf.

Es waren nicht nur diese Provokationen, die Rieger bundesweit bekannt machten und ihm in der Szene zu einem legendären Ruf verhalfen. Der Mann galt als Identifikationsfigur für mehrere braune Milieus. Neben Heß-Verehrern sahen auch völkische Germanenfans, rassistische Neuheiden und Holocaust-Leugner in ihm beinahe einen Propheten. Der Anwalt führte Vereine mit Namen wie „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ und „Artgemeinschaft“. In Schweden wollte er auf einem Landgut nordische Menschen züchten, die Europäische Union gab für den angeblich dort betriebenen ökologischen Landbau einen Zuschuss von umgerechnet 100 000 Euro.

1998 verbot der damalige niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) zwei Vereine Riegers, die auf einem Grundstück in Hetendorf Treffen von Neonazis mit germanischem Abenteuerurlaub veranstalteten. Rieger scheute sich auch nicht, seine Mandanten vor Gericht mit ideologischen Phrasen zu vertreten. Das trug ihm eine Anklage der Staatsanwaltschaft Mannheim ein, die ihm vorwarf, er habe als Verteidiger im Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel selbst den Massenmord der Nazis an den Juden verharmlost und geleugnet. Das Verfahren hätte Riegers juristische Laufbahn beenden können – die Staatsanwaltschaft wollte neben einer Haftstrafe auch ein Berufsverbot erreichen.

Es wäre nicht das erste Urteil gegen Rieger gewesen. Mehrere Verfahren, es ging um Volksverhetzung oder Körperverletzung, endeten mit Geldstrafen. Rieger blieb unbeirrt, zumal ihm 2002 das Millionenerbe eines Bremer Altnazis zufloss. Und er trat 2006 in die NPD ein, wurde Landeschef in Hamburg und 2008 zum Vizevorsitzenden der Bundespartei gewählt, trotz schwerer Konflikte mit anderen Funktionären. Vermutlich hat Rieger die NPD mit einer halben Million Euro unterstützt, allerdings offenbar meist über Kredite. Außerdem stand er dem Vorsitzenden Voigt bei, als der im Laufe der Affäre um den betrügerischen Ex-Schatzmeister Erwin Kemna um seinen Posten bangte. Offen bleibt, ob Riegers Erbe nur seinen Kindern zukommt oder auch der NPD. Und wie viel der Anwalt überhaupt hinterlässt.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar