Politik : Rechtsextremismus: Krawall der Kahlköpfe

Frank Jansen

Die Skinheads drehten durch. Mit Flaschen, Nebelwurfkörpern und Tränengasgranaten wurde die anrückende Polizei attackiert. Wie eine Festung verteidigten die Kahlköpfe das Lokal "Zum Goldenen Stern" im niedersächsischen Laave. Aus dem Obergeschoss warfen Skins eine Kommode, sie traf zwei Beamte am Kopf. Am Ende der Schlacht waren 46 Polizisten und 15 Neonazis verletzt. Nur mit Mühe hatten 500 Beamte das Konzert der zahlenmäßig gleichstarken Rechtsextremisten auflösen können. Der 23. September 2000 markierte einen Wendepunkt: Die wenige Tage zuvor verbotene "Deutschland Division" der Skinhead-Organisation "Blood & Honour" probte den militanten Widerstand gegen die Polizei.

Die Sicherheitsbehörden richten sich nun bei jedem Konzertversuch auf Krawalle ein. Gemäß der Absprache bei einem Geheimtreffen von Führungsfiguren in Schweden bunkern die Skinheads Steine, Brandflaschen und Absperrgitter; mit schnellem Wechsel zwischen mehreren Bundesländern soll die Polizei verwirrt werden. Außerdem verlagert "Blood & Honour" einen Teil der Aktivitäten nach Polen, Tschechien, in die Schweiz und ins Elsass. Ein Vierteljahr nach dem Verbot, das Bundesinnenminister Otto Schily über die Gruppierung und ihre Jugendorganisation "White Youth" verhängt hat, fällt die Bilanz zwiespältig aus. In Süddeutschland sind kaum noch Aktivitäten von "Blood & Honour" feststellbar, in Nord- und Ostdeutschland schon - konspirativer und aggressiver als zuvor. Dennoch sind die Sicherheitsbehörden überzeugt, die Szene empfindlich geschwächt zu haben.

Nach dem Verbot hat der deutsche Ableger von "Blood & Honour" nur noch vier Anläufe unternommen, die in der Kahlkopfszene so beliebten Brachialkonzerte zu veranstalten. Jedesmal schritt die Polizei ein. In Berlin ging es Mitte Oktober ohne Gewalt - die massive Präsenz von Bereitschaftskräften und der Spezialeinheit PMS ("Politisch Motivierte Straßengewalt") schüchterte die 180 Neonazis ein, die sich in Marzahn im Klubhaus von "Blood & Honour" versammelt hatten. Doch der harte Kern der elitären Skinhead-Gruppe will nicht aufgeben.

Das Konzertgeschäft ist die Haupteinnahmequelle, der Eintritt kostet etwa 30 Mark. Insgesamt 14 Konzerte hat "Blood & Honour" im Jahr 2000 vor dem Verbot organisiert. Die Musik der rechten Bands werten die Sicherheitsbehörden als Einstiegsdroge, sie infiziert unbedarfte Jugendliche und zieht sie in die Milieus der Neonazis hinein. Gerade "Blood & Honour"-Spektakel galten als attraktiv. "Da ging es zu wie in einem Löwenkäfig", sagte ein Polizeiführer nach dem größten Skin-Konzert in der Geschichte der Bundesrepublik, zu dem im September 1999 etwa 2000 Kahlköpfe in den Ort Garitz (Sachsen-Anhalt) geströmt waren. Also zog Schily die Notbremse - obwohl oder gerade weil "Blood & Honour" schon geschwächt war, nachdem die Berliner Polizei im März 2000 den Anführer der "Deutschland-Division" mit 1800 CDs und 1500 Propaganda-Broschüren erwischt hatte. Woraufhin der Chef-Skin von einem "Kameraden" Prügel bezog.

Die Strafverfolgungsbehörden sind jedoch nicht ganz zufrieden. "Das Verbot ist mit der heißen Nadel gestrickt", heißt es. In Punkt 4 der Verfügung fehle der Hinweis, dass Verwenden und Verbreiten von Kennzeichen der Nachwuchstruppe "White Youth" wohl auch verboten sind. Außerdem ist nur von der "Deutschland Division" die Rede - wie werde nun mit Aktivitäten ausländischer "Blood & Honour"-Sektionen verfahren?

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