Rechtsextremismus : Neonazis locken Jugendliche im Web 2.0

Mit Musik, Videos und Bildern verbreiten sie ihre Hassbotschaften: Rechtsextreme bedienen sich immer häufiger der Sozialen Netzwerke. Jugendschützer fordern ein stärkeres Einschreiten von Anbietern der Plattformen.

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Neonazis auf einer Demonstration in Dresden. Im Web 2.0 locken sie Unterstützer.
Neonazis auf einer Demonstration in Dresden. Im Web 2.0 locken sie Unterstützer.Foto: dpa

Ihre Gesichter sind durch weiße Masken verdeckt. Mit Fackeln bewaffnet und ganz in schwarz gekleidet laufen sie durch dunkle Straßen. Ihr Motiv: Sie warnen vor dem "drohenden Volkstod". Rechtsextreme Inhalte, wie dieses Video, aus dem die beschriebene Szene stammt und das bei Youtube schon tausendfach angeklickt wurde, werden immer häufiger über Soziale Netzwerke verbreitet.

Die Organisation jugendschutz.net registrierte im Jahr 2010 insgesamt 6000 rechtsextreme Beiträgen im Web 2.0 - dreimal so viele wie im Jahr zuvor. "Die Botschaften sind auf Jugendliche zugeschnitten", sagt Stefan Glaser, der den Bereich Rechtsextremismus bei jugendschutz.net leitet. Am Donnerstag stellte die Organisation gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus den aktuellen Bericht "Rechtsextremismus online" in Berlin vor.

Dass rechtsextreme Organisationen auch das Internet für die Verbreitung ihrer Hasspropaganda nutzen, ist nicht neu. Doch in dem Maße, wie die Bedeutung der Sozialen Netzwerke vor allem unter Jugendlichen steigt, nimmt auch das Engagement der Neonazis dort zu. Während die Zahl der eigenständigen rechtsextremen Websites im vergangenen Jahr laut den Jugendschützern von rund 1800 auf 1700 gesunken ist, schreiben Neonazis und ihre Unterstützer verstärkt Nutzerkommentare, verbreiten Videos und erstellen neue Nutzerprofile. Dabei nutzten sie alle Kanäle für ihre Propaganda: "NPD und Kameradschaften waren auf Facebook und Youtube aktiv, Neonazibands und Versandhändler promoteten Tonträger in Musiknetzwerken wie Myspace. Auch bei Twitter sichtete jugendschutz.net 2010 mehr rechtsextreme Useraccounts als im Vorjahr", heißt es in dem Bericht.

Dabei wird bei vielen Inhalten nicht auf den ersten Blick deutlich, welchen Hintergrund sie haben. "Jugendkulturelle Elemente, wie etwa Hip-Hop-Musik werden gezielt eingesetzt, um Unterstützer anzuwerben", sagte Glaser. Videos setzen auf eine emotionale Ansprache. Wiedererkennungssymbole, wie etwa die weiße Maske, stiften Identität und geben jungen Menschen das Gefühl, zu einer geheimen Gemeinschaft zu gehören. "Gepaart mit Themen, die junge Menschen bewegen, dockt die Agitation nicht nur an heutige Medienwelten an, sondern trifft auch inhaltlich auf Zustimmung außerhalb rechtsextremer Kreise". Ein rechtsextremes Musikvideo zum Thema Kindesmissbrauch habe es beispielsweise bislang auf 900.000 Klicks gebracht.

Wie die Inhalte bei Jugendlichen wirken, kann bislang nur quantitativ ausgewertet werden. Die Zugriffszahlen einzelner Beiträge gehen in die Hunderttausende - Rechtsextreme erreichen damit ein immer größeres Publikum. "Die Zahl der Klicks ist erheblich höher als etwa die bei Inhalten etablierter Parteien", sagt Glaser. Auch wenn ein Klick nicht gleich einen Unterstützer mache, habe das Thema allein durch seine Größe eine Relevanz für den Jugendschutz.

Der Kampf gegen die jugendgefährdenden Inhalte gleicht einer Sisyphos-Aufgabe: Rund 90 Prozent der von jugendschutz.net bei den Anbietern gemeldeten Inhalte würden zwar gelöscht, sagte Glaser. Allerdings tauchten sie meist in leicht veränderter Form oder auf den ausländischen Angeboten der Netzwerke schnell wieder auf. Die internationale Zusammenarbeit sei deshalb in diesem Bereich besonders wichtig.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, forderte mehr Engagement der Internetnutzer. "Wir brauchen User, die unsere grundlegenden Werte verteidigen und Neonazis konsequent in die Schranken weisen." Glaser sieht vor allem die Plattform-Betreiber in der Pflicht: "Es kann nicht angehen, dass Rechtsextreme diese Dienste für ihre Hasspropaganda missbrauchen. Betreiber wie YouTube und Facebook müssen mehr tun, um das zu verhindern." Die technischen Möglichkeiten, etwa das erneute Hochladen bereits gelöschter Inhalte zu verhindern, seien vorhanden.

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