Rechtsextremismus : Protest gegen Neonazis in Bad Nenndorf

Die Polizei war zufrieden. "Das war ein bunter und friedlicher Demozug" , sagte am Samstagnachmittag ein Polizeisprecher. Weit mehr als 1000 Einwohner aus Bad Nenndorf protestierten gegen einen Nazi-Aufmarsch in dem niedersächsischen Kurort. Zu dem Protest hatte ein Bündnis aus Gewerkschaften, Parteien, Bürgerinitiativen und Sportvereinen aufgerufen.

Reimar Paul

Bad Nenndorf - Mehr Probleme hatten die Beamten am Morgen mit einer Blockadeaktion linksgerichteter Demonstranten. 90 Nazigegner hatten den geplanten Kundgebungsort der Rechtsextremisten vor dem Bad Nenndorfer Wincklerbad besetzt, mehrere Aktivisten ketteten sich an selbst gebastelte Pyramiden aus Holz und Beton. Die Polizisten brauchten Stunden, um die Aktion zu beenden. Gegen die Teilnehmer der Blockade verhängten die Beamten Platzverweise, vier Personen wurden in Gewahrsam genommen. Bei der Räumung kam es zu Rangeleien. Demonstranten beschwerten sich über einen ruppigen Einsatz.

Bis zum Nachmittag hatten sich am Nenndorfer Bahnhof mehrere hundert Neonazis versammelt. „Viele wollten sich nicht kontrollieren lassen, deshalb konnten wir sie nicht loslaufen lassen“, sagte der Polizeisprecher. Zuvor hatten Beamte bereits einen Lautsprecherwagen der Rechten aus dem Verkehr gezogen. Aus dem Fahrzeug waren größere Mengen Treibstoff gelaufen.

Schon das vierte Jahr in Folge veranstalteten Neonazis in Bad Nenndorf einen sogenannten Trauermarsch zum Wincklerbad. Die Briten hätten das Bad nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem grausigen Folterlager umfunktioniert, behaupten die Rechtsextremisten. Wahr ist, dass es dort ein Verhörzentrum der britischen Armee gab. Ende 2005 berichtete der „Guardian“ erstmals über das War Crime Headquarter Bad Nenndorf. Geheimdienstleute hatten dort von 1945 bis 1947 Nazi-Verbrecher vernommen. Unter ihnen war der SS-General Oswald Pohl, ein Hauptbeteiligter am Massenmord an Juden. Dem „Guardian“ zufolge kam es bei den Verhören auch zu Misshandlungen an Häftlingen, drei von ihnen seien ums Leben gekommen. Der NDR und die „Schaumburger Zeitung“ griffen dies auf. So erfuhr die örtliche Naziszene von dem Internierungslager und machte Bad Nenndorf zum Wallfahrtsort. Reimar Paul

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