Politik : Rechtsextremismus: Sechsjähriger von Neonazis ermordet?

Der mysteriöse Tod eines Sechsjährigen in einem Freibad im sächsischen Sebnitz vor drei Jahren war offenbar doch kein Badeunfall. Nach jüngsten Erkenntnissen der Ermittler wurde der Junge umgebracht. Gegen drei Tatverdächtige wurden inzwischen Haftbefehle erlassen. Die zwei Männer und eine Frau im Alter zwischen 20 und 25 Jahren sitzen wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft, teilte die Staatsanwaltschaft Dresden mit. Der dringende Tatverdacht habe sich auf Grund zweier Zeugenaussagen ergeben, erklärte Oberstaatsanwalt Helmut Renz. Nach Aussage des Sprechers der Dresdner Staatsanwaltschaft, Claus Bogner, wurden die aus Sebnitz stammenden Verdächtigen in Braunschweig und Sebnitz festgenommen.

Ihnen werde zur Last gelegt, den Jungen am 13. Juni 1997 auf dem Gelände des Freibades zunächst geschlagen und ihm eine Flüssigkeit eingeflößt zu haben. Nachdem einer der Beschuldigten dem Kind einen Elektroschocker an den Körper gehalten habe, soll es zum Schwimmbecken gezerrt und ins Wasser geworfen worden sein. Danach seien die Beschuldigten gezielt auf den im Wasser liegenden Körper des Jungen gesprungen. Wenig später wurde der Sechsjährige tot auf dem Boden des Schwimmbeckens gefunden.

Die "Bild"-Zeitung hatte berichtet, dass der Sohn eines gebürtigen Irakers von 50 Neonazis in dem belebten Freibad überfallen worden war. Ob es sich bei den Tatverdächtigen um Neonazis handle, konnte Bogner noch nicht sagen. Ein etwaiger rechtsradikaler Hintergrund sei jedoch nicht auszuschließen. Das Verfahren war 1998 eingestellt worden, die Ermittlungsbehörden waren von einem Badeunfall ausgegangen. Nachdem die Mutter des Kindes schriftliche Erklärungen von 15 Zeugen zusammengetragen hatte und von der Familie ein kriminologisches Gutachten (Fallstudie) zur Verfügung gestellt worden war, nahm die Dresdner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen Mitte September 2000 wieder auf.

Laut "Frankfurter Rundschau" hatte das Kriminologische Institut Niedersachsen schon im Sommer 2000 eine Neuaufnahme der Ermittlungen empfohlen. Die Hannoveraner Gutachter werfen der Polizei demnach Versäumnisse vor, die "mit Desinteresse oder Unprofessionalität erklärt werden können", hieß es. In der 23-seitigen Fallanalyse des Instituts, die der Zeitung vorliege, bewerteten die Kriminologen einige der von den Eltern des Jungen gesammelten Zeugenaussagen als "insgesamt glaubhaft".

Die Staatsanwaltschaft geht derzeit laut Bogner der "Ungereimtheit" nach, dass sich ein Teil dieser Zeugen erst jetzt meldete. Auch der zweite Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin Gießen werde derzeit geprüft. Wie "Bild" weiter berichtete, wurden bei der zweiten, von der Mutter bezahlten Obduktion des Kindes in dessen Blut Spuren von "Ritalin" festgestellt. Das Nervenmedikament sei in der rechten Szene ein gängiger Ersatz für die Droge Ecstasy, hieß es.

Der Sprecher des sächsischen Innenministeriums, Thomas Uslaub, sagte, sein Haus sei im Juli dieses Jahres darüber informiert worden, dass es neue Erkenntnisse in dem Fall gebe. Es werde geprüft, ob es bei den polizeilichen Ermittlungen Versäumnisse gegeben habe. "Wenn es Versäumnisse gab, werden diese mit allen Konsequenzen verfolgt." Unterdessen forderte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Ulrich Kersten, ein schnelleres und härteres Durchgreifen gegen straffällige jugendliche Rechtsextremisten.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben