Politik : Rechtsextremismus: Sie finden die Gaskammer cool (Kommentar)

Sonja Margolina

Wer an die heilsame Kraft der Lehren aus der Geschichte glaubt, irrt. Denn die Aufarbeitung der Geschichte enthält keine Rezepte für die Zukunft, sie täuscht sie nur vor. Das Allheilmittel Aufklärung versagt nicht selten, wenn sich die jüngere Generation mit neuen Herausforderungen der postindustriellen Gesellschaft konfrontiert sieht; Rechtsextremisten sind gegen Aufklärung gänzlich immun.

Es ist bemerkenswert, wie standes- und betriebsblind die Bildungsschicht in Deutschland bleibt: Die Intellektuellen scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass die Bilder des Schreckens, an denen sie leiden und von denen sie nicht genug bekommen können, eine ähnliche Wirkung auf alle menschlichen Wesen haben müssten. Man will die Rechten mit Ausflügen nach Auschwitz therapieren.

Die Bilder der entfesselten Gewalt, der äußersten Erniedrigung hilfloser Menschen rufen bei ihnen jedoch eine entgegengesetzte Reaktion hervor. Sie sehen in der grenzenlosen Macht eines kleinen Mannes in Uniform ein Vorbild: Faszinosum anstelle von Erschütterung, Nachahmungsgelüste anstelle der ihnen oktroyierten Trauerarbeit. Sie finden die Gaskammer cool. An der Front der Volkspädagogik ist demnach ein Erfolg kaum zu erwarten. Selbst das plausible "Standort"-Argument, das der lokalen Politik Parolen gegen die "ausländerfreien Zonen" liefern soll und das an den gesunden Menschenverstand appelliert, kommt gegen die perverse Logik der Volksgemeinschaft nicht an. Wenn es stimmt, dass die Rechtsextremisten im Glauben handeln, den "geheimen Auftrag" der schweigenden ausländerfeindlichen Mehrheit, zumindest im Osten, erfüllen zu müssen, stößt das Standort-Argument auf taube Ohren. Das Ressentiment hat eine eigene Rationalität: Man will keinen Wohlstand, den die Ausländer schaffen, man will soziale Gleichheit unter einem fürsorglichen und autarken Staat.

Der zentrale und wunde Punkt des antirassistischen Engagements ist der Bürger, von dem Zivilcourage verlangt wird. Der Bürger, der wegschaut, der sich duckt, der Angst hat. Die Appelle an die Zivilcourage hört man öfters ex cathedra von jenen, die keine Gelegentheit haben, ihren Mut unter Beweis zu stellen. Der Bürger ist aber nicht ein anderer, sondern ich selbst. In Berlin musste ich feststellen, dass ich in dieser Eigenschaft kontinuierlich versage. Ich erlebte mehrmals Gewaltausbrüche am heiteren Tag, sie entflammten grundlos, blitzartig und meistens in Anwesenheit vieler Menschen.

Vor meinen Augen erscheint immer wieder, wenn ich am Wittenbergplatz bin, diese Szene: Zwei große Männer, die zur U-Bahn gingen, fielen über einen bebrillten, mageren und kleinen Obdachlosen her, der mit seinem Hund auf der Bank verweilte. Binnen Sekunden richteten sie den hilflosen, wahrscheinlich drogenabhängigen Mann so übel zu, dass er blutend am Boden lag und neben ihm seine dicke zertrümmerte Brille. Alles ereignete sich, als ich vor der Ampel auf der anderen Straßenseite stand. Als sie auf Grün sprang, erschien schon der Polizist, dem die Rowdys erzählten, der Obdachlose habe auf sie seinen Hund gehetzt, was sich völlig lächerlich anhörte, weil das Hündlein seinem Herrchen sehr ähnlich sah und nicht einmal richtig bellen konnte. Das sagte auch die Freundin des Opfers, die ihn übrigens nach Kraften zu schützen versuchte. Daraufhin durften die Schläger gehen. Ich erinnere mich an eine Starre, die mich überkam. Angst war das nicht, wohl etwas anderes, eine Art traumatischer Schock: Auf das Ereignis psychisch fixiert, konnte ich keinen Ton von mir geben. Es war, als ob sich ein Abgrund öffnete und ich hineingeblickt hatte.

Auch in anderen Fällen, als zum Beispiel ein Türke einem wiederum bebrillten Studenten in der Linie 1 ins Gesicht spuckte, weil dieser ihn angeblich "schief anguckte", oder als mein Mann im Treppenhaus eines Moabiter Miethauses, in dem ein Puff war, die Faust ins Gesicht gekriegt hatte, weil die den Puff verlassenden Kunden vermutlich frustriert waren, überfiel mich diese Lähmung. Alle Opfer waren bebrillt und liefen zufällig den frustrierten Schlägern über den Weg: Die Täter, die vermutlich des öfteren gewalttätig werden, kamen ungeschoren davon. So viel zur Zivilcourage.

All das waren nur isolierte Einzelfälle, keine Gruppenhandlungen. Erst recht wird der Bürger in den Nazi-Reservaten, in denen die Bevölkerung das ausländerfeindliche Klima pflegt und den Nazis Parolen liefert, eingeschüchtert und physisch bedroht. Selbst die Justiz scheint mancherorts vor der braunen "Öffentlichkeit" kapituliert zu haben. Wenn der Richter "wegschaut", ist der Rechtstaat in seinem Kern bedroht.

Man kann in Deutschland allerlei Programme machen, mit denen manchen verlorenen Seelen vielleicht geholfen wird. Doch die wirkliche Eindämmung wird weder von der Aufklärung noch vom Bürger kommen, hier sind Politik und Staatsgewalt gefragt. Die linke Regierung lehnte die Linie der "Null Toleranz" bis zuletzt als quasi "totalitäres" Vorgehen ab. Vielleicht wird sie denken müssen. Es ist traurig, dass die Bürgergesellschaft hilflos ist und die Verantwortung immer mehr an den Staat delegiert. Aber so ist nun mal das heutige Kräfteverhältnis. In den letzten Tagen wird endlich, mit jahrelanger Verspätung, darüber offen diskutiert, und die Dinge werden beim Namen genannt. Zu hoffen ist, dass es nicht bei Worten bleibt.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar