Das Fanal von Lichtenhagen : Die Rostocker scheuen die Schuldfrage

Hunderte griffen an, Tausende klatschten Beifall. In Rostock herrschte Pogromstimmung. Ausländer mussten um ihr Leben fürchten. Wolfgang Richter hat es als Ausländerbeauftragter miterlebt – und macht sich 20 Jahre später wieder Sorgen.

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Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein Wohnheim, in dem Vietnamesen lebten.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Frieder Blickle/laif
22.08.2012 13:14Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein...

Er merkt es immer wieder daran, dass er den Kopf wenden muss. Immer wenn Wolfgang Richter auf der Rostocker Stadtautobahn nach Norden fährt, ist es ihm unmöglich, nicht auf das große Haus hinterm Straßenrand zu schauen. Auch wenn er es sich vorgenommen hat. Er schaut dann nach links, hinüber auf eine freundlich gemeinte, mit einem Kachelmosaik versehene Fassade, drei riesige Sonnenblumenblüten auf kupferfarbenem Grund. Es ist die Stirnseite eines Neubaublocks in Rostock-Lichtenhagen. Sieben Aufgänge, elf Geschosse, ab dem sechsten ist die Ostsee zu sehen.

Richter schaut jedes Mal, und dann merkt er, es ist nicht vorbei. Seine Gedanken kommen auf das, was sich in diesem Haus und davor vor 20 Jahren abgespielt hat. Sie kommen auf Mordlust und auf abgebrühte Politiker und Behördenchefs und auf die vielen Schritte zum Besseren seitdem. In der letzten Zeit ist noch ein Gedanke dazugekommen. Der, dass sich seine Stadt möglicherweise wieder auf dem Rückweg befindet.

Lichtenhagen, Sonnenblumenhaus. Das sind jenseits von Rostock, also dort, wo die Menschen diese beiden Worte nicht täglich im Munde führen, keine Ortsangaben mehr, das sind dort Synonyme. Sie benennen einen Superlativ, ein im Nachkriegsdeutschland bis dahin unbekanntes Ausmaß an fremdenfeindlicher Gewalt. Sie stehen für das langlebige Bild vom hässlichen Ostdeutschen genauso wie für eine Art finale Beweisführung zugunsten neuer – je nach Sichtweise unmenschlicher oder vernünftiger – Asylgesetze.

Auch der damalige Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter befand sich in dem Wohnheim, in das Jugendliche Molotowcocktails warfen.
Auch der damalige Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter befand sich in dem Wohnheim, in das Jugendliche Molotowcocktails warfen.Foto: dpa

Am Abend des 24. August 1992, als Lichtenhagen und Sonnenblumenhaus aufhörten, nur Ortsangaben zu sein, führte Wolfgang Richter von hier aus mit der Feuerwehr folgendes Telefongespräch:

„Ja, passen Sie auf, ich erkläre es Ihnen ganz in Ruhe. Mecklenburger Allee 19, das Wohnheim der Vietnamesen, dort sind 150 Menschen drin, 150 Vietnamesen. Die Polizei hat sich zurückgezogen.“

„Ja.“

„Die Chaoten haben unten das Haus angesteckt.“

„Ja.“

„Die Gase kommen schon hoch, und sie kämpfen sich Stockwerk um Stockwerk hoch. Ich habe vor einer Dreiviertelstunde die Polizeiinspektion Lütten-Klein informiert.“

„Ja.“

„Es tut sich nichts.“

Es war der dritte Abend hintereinander, an dem Tausende vor dem Wohnblock standen, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ schrien, klatschten, an dem Dutzende von ihnen Steine von den nahen Bahngleisen holten und gegen das Haus schmissen. Im Aufgang Nummer 18 befand sich Mecklenburg-Vorpommerns zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, ein Asylbewerberheim also. Im Aufgang Nummer 19 lebten Vietnamesen. Wolfgang Richter war Rostocks Ausländerbeauftragter.

Die Bilder der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen im August 1992:

20 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen
Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein Wohnheim, in dem Vietnamesen lebten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Frieder Blickle/laif
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Das Asylbewerberheim war nach dem zweiten Abend geräumt worden, es war leer. Die Vietnamesen aber waren noch da. Die Polizei wiederum war auch weg, sie war gegen halb zehn abgezogen worden, so dass diejenigen, die Richter damals Chaoten nannte, unbehelligt und kanisterweise Benzin herbeischaffen konnten, es umfüllten in Flaschen, anzündeten und durch die Fenster warfen.

Aus dem Funkverkehr der Feuerwehr, die zur Zeit von Richters Anruf schon ganz in der Nähe war, aber alleingelassen: „Jugendliche dringen in das Gebäude ein, werfen Molotowcocktails auf Balkons. Ziehe mich zurück. Veranlassen Sie über Lagedienst, dass Polizeikräfte eingreifen.“ – „Haben Sie selbst schon Kontakt aufgenommen mit der Polizei?“ – „Bin ich noch nicht zu gekommen, weil hier auch kein Verantwortlicher weit und breit zu sehen ist.“ Stattdessen waren zu sehen: Feuer, hunderte Angreifer, Baseballschläger und Äxte.

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