Kenan Kolat : "Ich bekomme immer wieder Hass-Mails"
22.01.2012 00:00 Uhr"Auch wenn Sarrazin keine Schuld an den Morden trägt, fällt auf, dass nach Erscheinen seines Buches Menschen mit Migrationshintergrund auf die Anklagebank gestellt werden, anstatt über Rassismus zu diskutieren.
Trotz aller Versäumnisse haben Polizei, Verfassungsschutz, Justiz und andere staatliche Institutionen viel gegen Rechtsextremismus unternommen.
Das stimmt, aber viele Türken schauen auf das Ergebnis. Am Ende waren acht Menschen türkischer Herkunft tot.
Kann der Staat bei der türkischen Gemeinde Vertrauen zurückgewinnen?
Das muss er. Es ist ja schon so, dass die Regierungen in Bund und Ländern und die Parlamente versuchen, die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden aufzuklären. Ich hoffe auch sehr, dass das dem Untersuchungsausschuss des Bundestages und den Gremien in den Ländern gelingt. Zurzeit führt die Bundesregierung eine „Pannenstrategie“ durch; es geht „nur“ um die Aufklärung der Pannen der Sicherheitsbehörden. Es stört mich, dass weder in der politischen Klasse noch in der Gesellschaft ernsthaft darüber debattiert wird, wie in diesem Land ein Verbrechen förderndes Klima gegen Minderheiten entstehen konnte. Auch wenn Sarrazin keine Schuld an den Morden trägt, fällt auf, dass nach Erscheinen seines Buches Menschen mit Migrationshintergrund auf die Anklagebank gestellt werden, anstatt über Rassismus zu diskutieren.
Kanzlerin Angela Merkel hat die Morde als Angriff auf die Demokratie bezeichnet, der Bundestag hat sich entschuldigt. Was müsste noch geschehen?
Ich erwarte, dass die Politik die Ursachen rechtsextremer Gewalt ergründet. Über Jahre hinweg haben viele Politiker die rassistische Bedrohung kleingeredet. Jetzt müssen wir dringend darüber sprechen, wie der Rassismus zurückgedrängt werden kann. Und mir fehlt ein Zeichen der Politik, das die Bevölkerung einbezieht. Warum haben nicht alle Mitglieder der Bundesregierung und alle Abgeordneten des Bundestages gemeinsam mit Kirchen und Verbänden zu einer großen Demonstration aufgerufen? Es gab bislang nur Mahnwachen, auch von der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Insgesamt war die Beteiligung gering. Ist das vielleicht auch ein Zeichen der Zustimmung zu Sarrazins nationalistischen Thesen?
Am 23. Februar werden der Bundespräsident und weitere Spitzenpolitiker an der zentralen Trauerfeier für die Opfer der Terrorgruppe teilnehmen. Gehen Sie dahin?
Ich werde daran teilnehmen. Aber einige der Opferfamilien, mit denen ich gesprochen habe, wollen nicht. Sie haben nach den Morden getrauert, sie trauern nicht erst Jahre später. Türken erwarten auch, dass man zu ihnen kommt, um mit ihnen gemeinsam zu trauern. Ich habe vorgeschlagen, dass der Bundespräsident zu den Familien der Opfer fährt, anstatt sie nach Berlin einzuladen. Aber es wäre trotzdem wichtig, dass bei der zentralen Trauerfeier Angehörige der Opfer zu Wort kommen können. Ich habe das dem Bundespräsidenten vorgeschlagen.
Die ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John, kümmert sich im Auftrag der Bundesregierung als Ombudsfrau um überlebende Opfer der Anschläge und um die Angehörigen der Ermordeten. Was kann John bewirken?
Sie ist eine moralische Autorität, die nicht nur helfen kann, sondern auch Denkprozesse in Gang bringt. Ich begrüße sehr, dass sie einen Wandel bei der Polizei hin zu mehr Sensibilität im Umgang mit Migranten fordert. Gerade in diesem Punkt müssen Aus- und Fortbildung der Beamten verstärkt werden. Und es muss stärker nach rassistischen Einstellungen in der Polizei geforscht werden. Ich will keine Gesinnungsschnüffelei, aber es drängt sich schon die Frage auf, warum die Polizei zur Aufklärung der Morde an den acht Kleinunternehmern türkischer Abstammung eine Sonderkommission mit dem Namen „Bosporus“ gründete. Der Bosporus ist von Deutschland weit entfernt. Aber schon der Name suggeriert, die Mörder seien aus der Türkei gekommen. So fängt Rassismus an.










