Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt
Heike Kleffner Toralf Staud

1999

Der 28-jährige Asylbewerber Farid Guendoul (alias Omar Ben Noui) wird in der Nacht zum 13.Februar in Guben (Brandenburg) von einer Gruppe junger Rechtsextremisten gejagt. In seiner Panik tritt der Algerier in die Glastür eines Plattenbaus und zieht sich tödliche Schnittverletzungen zu. Einige Angeklagte beteiligen sich an der Schändung des in Guben aufgestellten Gedenksteins für Farid Guendoul. Das Landgericht Cottbus verurteilt 2000 die elf Angeklagten nach 17-monatiger Hauptverhandlung zu Jugendstrafen bis zu drei Jahren.

Die Angeklagten, die sich an der Hetzjagd direkt beteiligt hatten, wurden wegen fahrlässiger Tötung von Farid Guendoul und gefährlicher Körperverletzung von Khaled B. schuldig gesprochen. Drei Heranwachsende erhielten Haftstrafen von zwei Jahren, sechs wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt und zwei weitere Angeklagte lediglich verwarnt. Auf die Revisionen der Nebenkläger und einiger Angeklagter änderte der Bundesgerichtshof im Oktober 2002 die Schuldsprüche der Hauptangeklagten auf versuchte Körperverletzung mit Todesfolge.

Von Rechtsextremen gejagt, läuft der 28-jährige Asylbewerber Farid Guendoul alias Omar Ben Noui in der Nacht zum 13.Februar 1999 in eine Glastür und verblutet.
Von Rechtsextremen gejagt, läuft der 28-jährige Asylbewerber Farid Guendoul alias Omar Ben Noui in der Nacht zum 13.Februar 1999...Foto: privat

Der Haupttäter Alexander Bode erhielt eine Jugendstrafe von zwei Jahren. Auch stellte das Gericht fest, dass alle aktiv an der Verfolgung beteiligten Angeklagten das gleiche Maß an Verantwortung trügen. Das Strafmaß wurde nicht geändert. Dieser Fall wird von der Bundesregierung 2009 genannt.

Der 58-jährige Frührentner Egon Effertz wird am 17. März 1999 in Duisburg von drei bekennenden rechten Skinheads totgetreten. Aus purer Lust an der Menschenjagd, wie die Täter später erklären, schlagen sie auf Effertz ein. Sie brechen seine Rippen und zertreten den Kehlkopf. Im Prozess vor dem Duisburger Landgericht stellt der Richter fest: "Das Opfer schrie um Hilfe, Fensterläden wurden geöffnet, und dennoch half niemand." Im September 1999 wird der 22-jährige Oliver P. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Bundeswehr hatte Oliver P. vor der Tat wegen rechtsextremer Umtriebe entlassen. Seine Mittäter, der 20-jährige Stefan E. und der 17-jährige Gordon B., erhalten Jugendstrafen von zehn und acht Jahren.

Der 44-jährige Obdachlose Peter Deutschmann wird am 9.August 1999 im niedersächsischen Eschede von einem 18-jährigen Berufslosen und einem 17-jährigen Gymnasiasten mit Springerstiefeln zu Tode getrampelt. Er hat die beiden wiederholt aufgefordert, „den Scheiß mit dem Skinhead-Gehabe“ zu lassen. Das Lüneburger Landgericht, das im Januar 2000 fünfjährige Jugendstrafen wegen Körperverletzung mit Todesfolge verhängt, meint, die Tat sei nicht politisch motiviert gewesen. Nach der Haftentlassung gehen die Täter unterschiedliche Wege: Johannes K. studiert inzwischen Theologie; Marco Siedbürger ist in der neonazistischen „Nationalen Offensive Schaumburg“ aktiv und erneut wegen Körperverletzungsdelikten verurteilt worden. Dieser Fall wird von der Bundesregierung im Februar 2000 in der Antwort auf eine PDS-Anfrage genannt.

Der 35-jährige Mosambikaner Carlos Fernando wird am 15. August 1999 in Kolbermoor (Bayern) totgeprügelt. Der Täter Roman G. (31) hat sich zuvor darüber aufgeregt, dass das Auto seiner Freundin von Afrikanern zugeparkt worden sei. Das Landgericht Traunstein verurteilt G. am 16. Mai 2000 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zehn Jahren Haft ohne Bewährung. Das Gericht sieht Ausländerhass nicht als zentrales Motiv an. Die "Nürnberger Nachrichten" zitieren G. mit den Worten: "Die Drecksneger gehören alle totgeschlagen". Dieser Fall wird von der Bundesregierung im Februar 2000 und 2009 genannt.

Der 17-jährige Patrick Thürmer wird gemeinsam mit einem Freund in der Nacht des 3. Oktober 1999 auf dem Heimweg von einem Punkfestival in Hohenstein-Ernstthal (Sachsen) von drei Männern überfallen, die mit ihrem Auto Jagd auf Punks machen. Mit einem Axtstil und einem Billardqueue fügen sie dem schmächtigen, 1 Meter 56 großen Malerlehrling tödliche Kopfverletzungen zu. Vorausgegangen war ein Angriff von drei Dutzend Naziskins auf das Punkfestival und ein Gegenangriff von Punks auf eine Diskothek im Ort, in der sie die rechten Schläger vermuteten. Der Malerlehrling Patrick Thürmer starb „stellvertretend für jene Linken“, die an dem Angriff auf die Diskothek beteiligt gewesen seien, stellt das Landgericht Chemnitz im September 2000 fest. Einen rechtsextremen Hintergrund erkennt das Gericht dennoch nicht. Der 23-jährige Haupttäter wird wegen Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt. Dieser Fall wird von der Bundesregierung seit Mai 2012 genannt.

Der 38 Jahre alte Sozialhilfeempfänger Kurt Schneider wird in der Nacht zum 6. Oktober 1999 von vier Skinheads in Berlin-Lichtenberg zu Tode gequält. Das Landgericht Berlin verurteilt im April 2000 zwei 23-jährige, einschlägig vorbestrafte Täter zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Die beiden anderen Angeklagten, 18 und 19 Jahre alt, werden nach Jugendstrafrecht zu acht beziehungsweise achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Richter sagt zwar, es habe sich nicht um ein rechtsradikales Delikt gehandelt, verweist aber auf die Gesinnung der Skinheads.

In der Nacht zum 8. Oktober 1999 wird in Löbejün (Sachsen-Anhalt) der 37-jährige Hans-Werner Gärtner mit geistigen Behinderungen von einem rechten Trio zu Tode gequält. Die Täter im Alter von 25 bis 27 Jahren trafen ihr Opfer zufällig an einer Tankstelle. Da der 37-Jährige schon zuvor von einigen aus der Gruppe misshandelt worden war – er galt als „Dorfdepp“, seine Behinderungen waren stadtbekannt - hatte er Anzeige gestellt. Die Angeklagten behaupteten, sie hätten ihm lediglich „eine Lektion“ erteilen wollen. Sie zwingen ihr unter anderem in einen Gully zu steigen, schlagen ihn, versuchen ihn im See eines Steinbruchs zu ertränken, fahren ihn im Auto umher und schlagen ihn erneut. Dann lassen sie den schwerstverletzten Hilflosen zum Sterben auf einem Feldweg zurück. Das Landgericht Halle verurteilt die Täter wegen Mordes zu lebenslangen Haftstrafen. Es habe sich um eine "sinnlose und niederträchtige Tat an einem Schwächeren, der am Rande der Gesellschaft stand", gehandelt, so der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung im Oktober 2000. Dieser Fall wird von der Bundesregierung seit Mai 2012 genannt.

Am 1. November 1999 erschießt der 16-Jährige Martin Peyerl in Bad Reichenhall (Bayern) vier Menschen: seine Schwester Daniela Peyerl (18), Karl-Heinz Lietz (54), Horst Zillenbiller (60) und seine Frau Ruth Zillenbiller (59). Anschließend tötet der Amokschütze sich selbst. Die Polizei entdeckt bei der Durchsuchung des Zimmers von Martin Peyerl aufgemalte Hakenkreuze, Hitlerbilder, Gewaltvideos, rechtsextreme CDs und ausländerfeindliche Parolen in einem Heft für Notizen. Laut Staatsanwaltschaft Traunstein ist das Motiv des Jugendlichen unklar, es liege "in der Persönlichkeit des Täters". Von Rechtsextremismus könne keine Rede sein, denn Peyerl habe als "verschlossen und unauffällig" gegolten.

Der 39-jährige, geistig behinderte Jörg Danek wird am 29. Dezember 1999 im S-Bahntunnel von Halle-Neustadt von drei Männern im Alter von 19, 22 und 32 Jahren ermordet. Nachdem Bundesgrenzschutzbeamte (BGS) und Wachschutzleute das Trio wegen aggressiven Verhaltens am Hauptbahnhof in Halle in eine S-Bahn gebracht hatten, setzen sich die Männer gezielt zu dem 39-Jährigen ins Abteil. Denn einer der Täter kennt das Opfer mit dem Spitznamen "Professor", und nun wollen sie – so das Landgericht Halle später – an ihm ihren "Frust über die  Auseinandersetzungen mit dem BGS auslassen". Der 19-Jährige ist bekennender Neonazi; er trägt Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel, ist mit SS-Runen, Hakenkreuzen und Reichskriegsflaggen tätowiert und unter anderem wegen einer rassistisch motivierten Körperverletzung vorbestraft; der 32-Jährige ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge vorbestraft. Zunächst verlangt das Trio Bier von ihrem Opfer. Als der Mann nur eine Büchse anbieten kann, beginnen sie ihn zu misshandeln und treten ihn mit einem Springerstiefel ins Gesicht. Als sich ein Schaffner und Sicherheitsleute dem Abteil nähern, lassen die Angreifer kurz von ihrem Opfer ab. Doch diese betreten das Abteil nicht, da sie zuvor über Funk von Kollegen den Rat erhalten hatten, die drei Männer seien aggressiv und sollten "besser in Ruhe gelassen werden". Die Wachleute betreten das Abteil erst wieder, als die drei Angreifer ihr Opfer schon zum Aussteigen gezwungen haben, und finden eine große Blutlache. Unterdessen haben die Angreifer ihr Opfer zu einem Tunnel geschleppt. Dort quälen sie ihn weiter und machen sich über ihn lustig. Als sie in seinem Brustbeutel lediglich 2,50 Mark finden, zertreten sie ihm mit ihren Springerstiefeln das Gesicht. Der Mann stirbt wenig später im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Der 32-jährige Haupttäter wird in einer Revisionsverhandlung wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt; der 19-Jährige erhält eine Jugendstrafe von neuneinhalb Jahren. Dieser Fall wird von der Bundesregierung seit Mai 2012 genannt.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

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