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Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt

31.05.2012 16:50 Uhrvon , , Heike Kleffner, Toralf Staud

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der "Zeit" mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

2000

Der Obdachlose Bernd Schmidt (52) stirbt am 31. Januar 2000 in Weißwasser (Sachsen) an schweren Kopfverletzungen. Zwei 15-Jährige haben Schmidt drei Tage in einer Abrissbaracke geprügelt. Anfangs hat sich auch ein 16-Jähriger beteiligt. Vor dem Landgericht Görlitz behaupten zwei Täter, sie wollten von Schmidt 900 Mark für ein Moped erpressen.

Im Urteil sagt das Gericht, ein Täter habe "die bisher unkorrigierte Fehlhaltung, dass Obdachlose, sozial Schwache und Ausländer wenig wert sind und kein Recht auf Unversehrtheit haben." Der 15-Jährige hatte gesagt, Leute wie Schmidt seien "menschlicher Schrott". Der Angeklagte wird wegen versuchter räuberischer Erpressung mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der gleichaltrige Mittäter erhält viereinhalb Jahre, der 16-Jährige ein Jahr auf Bewährung.

Die Polizisten Yvonne Hachtkemper, Thomas Goretzky (Mitte) und Matthias Larisch von Woitowitz werden im Juni 2000 von dem Rechtsextremisten Michael Berger erschossen. Fotos: dpaBild vergrößern
Die Polizisten Yvonne Hachtkemper, Thomas Goretzky (Mitte) und Matthias Larisch von Woitowitz werden im Juni 2000 von dem Rechtsextremisten Michael Berger erschossen. - Fotos: dpa

Der 60-jährige Helmut Sackers wird am 29. April 2000 von einem 29-jährigen Rechtsextremisten im Treppenhaus eines Plattenbaus in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) erstochen. Der engagierte Sozialdemokrat hatte zuvor die Polizei gerufen, weil der spätere Täter Andreas S. lautstark Nazimusik, darunter das „Horst Wessel-Lied“, abgespielt hatte. Bei einer Durchsuchung der Wohnung von S. findet die Polizei mehr als 80 rechtsextremistische CDs, Videos mit Aufrufen zum Mord an politischen Gegnern und 90 neonazistische Propagandahefte. Das Landgericht Magdeburg spricht P. im November 2000 in erster Instanz wegen „Notwehr“ vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge frei. Im Prozess kommen die politischen Hintergründe der Tat nicht zur Sprache.
Im Juli 2001 hebt der 4. Senat des Bundesgerichtshofs den Freispruch auf und verweist den Fall zur erneuten Verhandlung an das Landgericht Halle. Im Juli 2001 hebt der 4. Senat des Bundesgerichtshofs den Freispruch auf und verweist den Fall zur erneuten Verhandlung an das Landgericht Halle. Im April 2005 lobt der Vorsitzende Richter, Klaus Lilie, Helmut Sackers für seine Zivilcourage und spricht den Angeklagten Andreas S. nach acht achtmonatiger Hauptverhandlung dann erneut frei. Bei den vier Messerstichen gegen das 30 Jahre ältere und erkrankte Opfer habe es sich um einen „intensiven Notwehrexzess“ gehandelt. Die Staatsanwaltschaft hatte sechseinhalb Jahre Haft für Andreas S. wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge gefordert.

Vier Rechtsextremisten überfallen im Berliner Bezirk Pankow den Sozialhilfeempfänger Dieter Eich. Der 60-Jährige wird in der Nacht zum 25. Mai 2000 in seiner Wohnung zusammengeschlagen und erstochen. Als Motiv nennen die Täter "einen Assi klatschen". Polizei und Staatsanwaltschaft teilen erst drei Monate nach dem Verbrechen mit, dass die Täter der rechten Szene zuzuordnen sind.

Der 22-jährige Punk Falko Lüdtke wird am 31. Mai 2000 in Eberswalde von einem Angehörigen der rechten Szene vor ein Taxi gestoßen und überfahren. Laut Zeugenaussagen hat Lüdtke den 27-jährigen Mike B. zuvor wegen dessen Hakenkreuz-Tätowierung am Kopf kritisiert. Es folgt ein Streit, der während einer Busfahrt fortgesetzt wird. Opfer und Täter steigen gemeinsam aus dem Bus aus und prügeln sich. Mike B. gibt bei der polizeilichen Vernehmung zu, Lüdtke auf die Straße geschubst zu haben, bestreitet aber politische Motivation und Vorsatz. Sieben Monate nach dem Tod des Punks in Eberswalde verurteilt das Landgericht Frankfurt (Oder) Mike B. zu viereinhalb Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ausdrücklich sagte die Vorsitzende der Kammer, Falko Lüdtke habe „ aus Zivilcourage“ gehandelt und keineswegs provoziert, als er B. auf seine Hakenkreuz-Tätowierung ansprach. „Aus dem Tragen des Hakenkreuzes lässt sich die Überzeugung ableiten", so die Vorsitzende.

Der 39-jährige Mosambikaner Alberto Adriano wird am 11. Juni 2000 in Dessau von drei Skinheads schwer misshandelt und stirbt am 14. Juni 2010. Das Oberlandesgericht Halle verurteilt den 24-jährigen Enrico H. am 30. September 2000 zu lebenslanger Haft. Der 16-jährige Christian R. und der gleichaltrige Frank M. erhalten eine Haftstrafe von jeweils neun Jahren. Frank M. sagt während der Verhandlung: „Ich hab den Neger getreten, weil ich ihn hasse.“ Das Oberlandesgericht stellt fest: „Rechtsextreme Straftäter sind überdurchschnittlich gewaltbereit.“ Dieser Fall wird von der Bundesregierung im September 2000 in der Antwort auf eine Anfrage der PDS-Fraktion sowie 2009 genannt.

Der 31-jährige Rechtsextremist Michael Berger erschießt am 14. Juni 2000 in Dortmund und Waltrop (bei Recklinghausen) drei Polizisten und anschließend sich selbst. Der 35-jährige Polizeikommissar Thomas Goretzky und seine Kollegin wollen den nicht angeschnallten Berger kontrollieren, als er plötzlich das Feuer eröffnet. Goretzky stirbt sofort. Auf der Flucht erschießt Berger an einer Ampel die Polizisten Yvonne Hachtkemper (34) und Matthias Larisch von Woitowitz (35). In der Wohnung des Täters findet die Polizei später zwei Pistolen, drei Revolver, eine Splitterhandgranate, Munition, Messer und Bergers DVU- und Republikaner-Mitgliedsausweise. Auf seinem Auto klebt das Logo der Naziband „Landser“. Auf einem zweiten Aufkleber steht die Forderung: „Töte sie alle...Gott wird seine Wahl treffen.“ Seinen früheren Arbeitsplatz hatte der Neonazi wegen seiner rechtsextremen Gesinnung verloren. Nach der Tat prüft die Polizei, ob Berger einen rechtsterroristischen Anschlag vorbereitete und dachte er sei aufgeflogen. Später tauchen in der Stadt Aufkleber der Kameradschaft Dortmund auf: „Berger war ein Freund von uns. 3:1 für Deutschland.“ Die Trauerstätte für die Toten wird verwüstet und mit dem Spruch „Scheiß Bullen! Krepieren sollen sie alle!“ beschmiert. In Sicherheitskreisen heißt es jetzt, in der Rückschau sei zu vermuten, dass der Rechtsextremist in wahnhaftem Hass auf das System die Polizisten ermordet hat.

Der Obdachlose Klaus-Dieter Gerecke wird in der Nacht zum 24.Juni 2000 in Greifswald erschlagen. Als Tatverdächtige nimmt die Polizei einen 20-jährigen Mann und zwei 18 Jahre alten Frauen fest. Sie sollen von dem Obdachlosen Bier und Geld verlangt haben. Die drei Tatverdächtigen werden der rechten Szene zugeordnet. Im Dezember 2000 verurteilt sie das Landgericht Stralsund zu langjährigen Freiheitsstrafen, erkennt aber kein rechtsextremes Motiv. Im Januar 2010 sagt der zuständige Polizeisprecher Axel Falkenberg dazu, das Gericht habe zwar pauschal "niedrige Beweggründe" festgestellt, "von der Motivlage her ging es aber eindeutig gegen Obdachlose."

Am 9. Juli 2000 überfallen fünf Rechtsextremisten in einem Abrisshaus in Wismar den Obdachlosen Jürgen S.. Der 52-Jährige wird mit Schlägen und Tritten so schwer misshandelt, dass er kurze Zeit später seinen Verletzungen erliegt. Laut Polizei handelt es sich bei den geständigen Tätern um Rechtsextremisten. Dennoch kann die Tötung des Obdachlosen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Schwerin nicht als rechtsextreme Tat gewertet werden. Von einschlägigen Tätowierungen dürfe nicht auf die Gesinnung geschlossen werden, so die Richter. Der 21-jährige Haupttäter wird wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Der 51 Jahre alte Obdachlose Norbert Plath wird am 27.Juli 2000 in Ahlbeck (Vorpommern) von vier jungen Rechtsextremisten zu Tode geprügelt. In den Vernehmungen bei der Polizei nennen die Täter ihr Motiv: "Hass auf Obdachlose". Einer sagt, "Asoziale und Landstreicher gehören nicht ins schöne Ahlbeck." Dieser Fall wird von der Bundesregierung im September 2000 und 2009 genannt.

In Nürnberg wird am 9. September 2000 der 38-jährige türkische Blumenhändler Enver Şimşek von der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) erschossen. Eine der verwendeten Waffen ist die bei allen folgenden Taten genutzte Pistole, eine Ceska, die später in der Zwickauer Brandruine gefunden wird. Şimşek ist das erste Opfer der Mordserie.
Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

Der Obdachlose Malte Lerch wird in der Nacht zum 12. September 2000 in Schleswig von zwei Skinheads erschlagen. Die beiden Rechtsextremisten hatten mit dem 45 Jahre alten Mann auf einer Wiese gezecht, dann gab es Streit. Laut Staatsanwaltschaft Flensburg fühlten sich die Täter von dem Opfer beleidigt. Bei der Polizei haben die beiden 23-jährigen ausgesagt, der Obdachlose habe schlecht über die Skinhead-Szene gesprochen. Dennoch sahen weder die Staatsanwaltschaft noch das Landgericht Flensburg ein rechtes Motiv. „Die haben den Mann zusammengeschlagen und schlichtweg verrecken lassen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Meienburg. Im Juli 2001 verurteilte das Landgericht die beiden Skinheads zu jeweils sieben Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft hatte für jeden Täter 12 Jahre wegen Totschlags verlangt und beantragte nach dem Urteilsspruch Revision. Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2001 und 2009 genannt.

Am frühen Morgen des 25. November 2000 wird der Obdachlose Eckhardt Rütz in Greifswald vor der Mensa der Universität von drei rechten Skinheads mit Baumstützpfählen zusammengeschlagen. Die Täter traktieren das Opfer auch mit Tritten. Der 42-jährige Rütz stirbt am nächsten Tag an seinen schweren Kopfverletzungen. Bei ihrer Vernehmung sagen die Schläger, weil „so einer wie Rütz dem deutschen Streuerzahler auf der Tasche liegt“, habe man dem Obdachlosen eine Lektion erteilen wollen. Ein 16-jähriger Angreifer war laut Staatsanwaltschaft bis kurz vor der Tat Mitglied der NPD. Im Juni 2001 verurteilt das Landgericht Stralsund die 16-jährigen Maik J. und Marcel L. wegen Mordes zu Jugendstrafen von siebeneinhalb und sieben Jahren. Der 21-jährige Maik M. erhält zehn Jahre Haft. Dieser Fall wird von der Bundesregierung 2009 genannt.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

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