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Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt

31.05.2012 16:50 Uhrvon , , Heike Kleffner, Toralf Staud

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der "Zeit" mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

2001

In der Nacht zum 25. März 2001 wird der 38-jährige Willi Worg in Milzau (Sachsen-Anhalt) von fünf jungen Männern zusammengeschlagen. Drei Tage später stirbt er an seinen schweren Verletzungen. Fast alle Organe im Bauch sind gerissen. Die Staatsanwaltschaft Halle zählt die Täter zur rechten Szene und spricht von "unglaublicher Brutalität".

Dennoch vermutet die Behörde unpolitische "Rache", weil das Opfer einige Monate vor dem Angriff den 19-jährigen Haupttäter wegen unterlassener Hilfeleistung bei einem Verkehrsunfall angezeigt hat. Außerdem hätten die Schläger von Worg Geld verlangt, bevor sie ihn traktierten. So lautet die Anklage auf versuchten Raub und Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Obdachlose Dieter Manzke muss sterben, weil drei rechtsextreme Jugendliche "Ordnung schaffen wollen".Bild vergrößern
Der Obdachlose Dieter Manzke muss sterben, weil drei rechtsextreme Jugendliche "Ordnung schaffen wollen". - Foto: privat

Die Jugendkammer des Landgerichts Halle bewertet die Motivation der Täter anders. Am 13. November 2001 werden die fünf Angeklagten wegen Mordes und Beihilfe zum Mord zu Strafen zwischen vier und acht Jahren Haft verurteilt. In der Urteilsbegründung sagt die Vorsitzende Richterin, die Täter hätten Worg "regelrecht zertreten". Die Kammer sehe einen Zusammenhang zwischen der brutalen Tat und der rechten Gesinnung der Schläger. "Erst in der Gruppe, die die Gewalt und die Morde der Altvorderen verherrlicht, bekamen sie die Einstellung, eine solch furchtbare Sache zu machen", sagt die Richterin. Geltungsbedürfnis und falsch verstandene Kameradschaft, gepaart mit Menschenverachtung und Gleichgültigkeit, hätten zu der Tat geführt. Der 19-jährige Haupttäter gibt sich jedoch unbelehrbar: In der Untersuchungshaft lässt er sich ein Hakenkreuz auf den Bauch tätowieren. Obwohl der damalige Landesinnenminister Klaus-Jürgen Jeziorsky (CDU) im Juni 2002 dem Fernsehmagazin Panorama sagt, die Sicherheitsbehörden werteten Worgs Tod als politisches Delikt, wird die Tat in keiner offiziellen Statistik als rechts motiviert aufgeführt.

In der Nacht zum 22. April 2001 wird nahe Jarmen (Vorpommern) der 31-jährige Asylbewerber Mohammed Belhadj erschlagen. Als Täter werden vier Männer aus Greifswald im Alter zwischen 18 und 22 Jahren ermittelt. Einer nimmt sich in der Untersuchungshaft das Leben. Im Prozess am Landgericht Neubrandenburg behaupten die unter anderem wegen Gewaltdelikten vorbestraften Angeklagten, sie hätten den Algerier auf Haschisch angesprochen und dann sei es während der Autofahrt zum Streit gekommen, weil Belhadj den Weg zum Wohnheim nicht mehr sicher sagten konnte und die Angeklagten sich um den in Aussicht gestellte Haschisch-Deal betrogen fühlten. Daher begannen sie den 31-Jährigen schon im Auto u.a. als „Penner“ zu beschimpfen und zu schlagen. An einem Kiessee bei Zarrenthin zerrten sie ihr Opfer aus dem Wagen, traten und schlugen auf den am Boden Liegenden ein und zerrten ihn schließlich zum Ufer des Kiessees. Dort zwangen sie ihn, im Wasser zu knien, dann warf der 18-jährige Haupttäter dem Opfer einen Stein ins Gesicht. Belhadj fiel dadurch ins Wasser, wo er ertrank. Als einer der Schläger auf dem Nachhauseweg fürchtet, Belhadj sei tot, sagt ein Kumpan: „Mach dich doch nicht fertig. Es war doch nur ein Scheiß-Ausländer.“ Im März 2002 verurteilt das Landgericht Neubrandenburg die drei Angeklagten wegen Mordes zu Jugendstrafen zwischen fünfeinhalb und neun Jahren. Der 18-jährige Haupttäter sei in „menschenverachtender Weise“ mit seinem Opfer umgegangen stellte das Gericht fest. Einen ausländerfeindlichen Hintergrund erwähnen die Richter nicht.

In Nürnberg stirbt am 13. Juni 2001 der 49 Jahre alte, türkische Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru. Er wird mit zwei Kopfschüssen durch den NSU niedergeschossen. Ein Komplize des Täters soll draußen in einem Auto gewartet haben. Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

In Hamburg wird am 27. Juni 2001 der 31-jährige Gemüsehändler Süleyman Taşköprü durch die Terrorzelle NSU in seinem Laden ermordet. Drei Schüsse treffen ihn in den Kopf. Die Polizei geht von zwei Tatwaffen aus.
Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

In der Nacht zum 9. August 2001 wird in Dahlewitz (Brandenburg) der Obdachlose Dieter Manzke von fünf jungen Männern in einem leer stehenden Gartenbungalow erschlagen. Vorher misshandeln sie den 61-Jährigen, drücken Zigaretten in seinem Gesicht aus und brechen ihm 16 Rippen. Bei ihrer Festnahme geben die Täter an, sie hätten sich von dem stadtbekannten Obdachlosen „gestört gefühlt“ und „Ordnung schaffen“ wollen.

Im April 2002 verurteilt die Jugendkammer des Landgerichts Potsdam vier der fünf Angeklagten im Alter zwischen 17 und 22 Jahren im April 2002 wegen Mordes zu Haft- und Jugendstrafen zwischen sieben und dreizehn Jahren. Lediglich im Fall des jüngsten Angeklagten erkannte die Kammer auf Totschlag und verurteilte den 17-Jährigen zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren. "Dieter Manzke musste sterben, weil er als Penner und Suffi den in der Nachbarschaft lebenden Angeklagten Dirk R. störte", stellte der Vorsitzende Richter Klaus Przybylla in seiner Urteilsbegründung fest. Der Vorsitzende Richter betonte, das Tatgeschehen habe zwar keinen rechtsradikalen Hintergrund, es sei aber nach den reformierten Kriterien des Bundeskriminalamtes zur Erfassung politisch motivierter Kriminalität als "politisch motiviert" zu werten. Denn die Tat habe sich gegen den gesellschaftlichen Status des Opfers gerichtet. Dieser Fall wird von der Bundesregierung 2009 genannt.

In Wittenberge (Brandenburg) prügeln am 9. August 2001 zwei Männer den alkoholkranken Klaus-Dieter Harms in seiner Wohnung zu Tode. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin sieht kein rechtes Motiv. Dass die Täter nach wenigen Stunden gefasst wurden, ist allerdings der Aussage einer Zeugin zu verdanken. Sie hatte einen der Schläger als Rechtsextremisten beschrieben. Er habe auf der Straße mehrmals den Hitlergruß gezeigt. Im Urteil des Landgerichts Neuruppin zum Tod von Klaus-Dieter Harms (61) sprechen Indizien für ein sozialdarwinistisches Motiv beider Täter. Das Gericht nennt "Mordlust", sagt aber auch, die Täter hätten Harms als verachtungswürdigen Menschen gesehen und ohne jeden Anlass gequält.

Mit 13 Messerstichen in den Oberkörper und das Gesicht tötet der 19-jährige Rechtsextremist Frank R. am 17. August 2001 in Fulda (Hessen) die Inhaberin eines Military Geschäfts. Anschließend raubt er Kleidung und Bargeld im Wert von mehreren hundert Euro. Die 54-jährige Dorit Botts verblutet, nachdem der Angreifer ihr die Kehle durchschneidet. In einem der Prozesse zur Tat stellt sich heraus, dass es sich für Frank R. um ein Aufnahmeritual in die Thüringer Neonaziorganisation „Deutsche Heidenfront“ handelte. Laut Aussage des Täters stiftete ihn ein Freund, mit dem er in einer rechtsextremen Metal-Band spielte, mit den Worten „Fahr nach Fulda und mach die Alte kalt“ zu dem Mord an. In der Untersuchungshaft misshandelt R. einen Mithäftling, tritt auf ihn ein und drückt ihm eine glühende Zigarette auf der Stirn aus. Das Landgericht Erfurt verurteilt R. im März 2002 wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge zu neun Jahren und zwei Monaten Haft. Laut Gericht ging es Frank R. „in Erfüllung des ihm erteilten Auftrages in erster Linie um die Tötung der Frau Botts“. Dieses Motiv sei „Tatantrieb und tatbeherrschend“ gewesen. Der mutmaßliche Anstifter wird allerdings später freigesprochen.

Am 29. August schlägt der NSU erneut zu. In München wird der 38 Jahre alte, türkische Gemüsehändler Habil Kılıç erschossen. Auch er wird in den Kopf getroffen, mit zwei Schüssen.
Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

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