• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt

31.05.2012 16:50 Uhrvon , , Heike Kleffner, Toralf Staud

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der "Zeit" mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

2003

Am 27. Januar 2003 stirbt in Erfurt der 48-jährige Hartmut Balzke nach einem Angriff von zwei rechten Schlägern auf Punks. Balzke hat zwei Tage zuvor seinen Sohn zu einer Punk-Party in Erfurt begleitet. Dort versuchten sich zwei Rechte Zugang zu verschaffen. Nachdem sie abgewiesen wurden, provozierten sie schließlich eine Schlägerei auf offener Straße. Wenig später fanden Zeugen den sozial randständigen Balzke und einen weiteren Punk mit schweren Kopfwunden. Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelte schnell gegen einen 23-jährigen Rechten als Haupttäter, der wegen Körperverletzung und Zeigen des Hitlergrußes unter Bewährung stand.

Waldemar Ickert und zwei seiner Freunde werden am 19. Dezember 2003 erstochen, nachdem sie in einer Diskothek mit einem Skinhead in Streit geraten sind.Bild vergrößern
Waldemar Ickert und zwei seiner Freunde werden am 19. Dezember 2003 erstochen, nachdem sie in einer Diskothek mit einem Skinhead in Streit geraten sind. - Foto: privat

Das Landgericht Erfurt lehnte die Eröffnung der Hauptverhandlung in 2006 jedoch mit der Begründung „es habe sich um eine Schlägerei mit Todesfolge gehandelt“ zunächst ab; nach einer Entscheidung des OLG Thüringen kam es dann fünf Jahre nach dem Angriff am Landgericht Erfurt im Sommer 2008 zur Hauptverhandlung, die mit einer Verurteilung des 23-jährigen ex-Rechten wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren endete. Einen rechten Hintergrund wollte das Gericht nicht erkennen.

Der geistig behinderte Andreas Oertel wird am 20. und 21. März 2003 in seiner Wohnung in Naumburg mehrfach von einer mehrköpfigen Gruppe – zwei erwachsene Brüder und mehrere Jugendliche aus „sozial schwierigen Verhältnissen“ im Alter zwischen 15 und 17 Jahren – zusammengeschlagen, gewürgt und ausgeraubt. Das 40-Jährige Opfer stirbt am 21. März 2003 aufgrund von massiven Schlägen und Tritten gegen den Kopf. Nachdem mehrere Jugendliche mit der Tat geprahlt hatten, informiert ein anonymer Anrufer die Polizei über den Tod von Andreas Oertel. Als Grund für die Misshandlungen geben mehrere Tatbeteiligte gegenüber Polizei und Gericht an, das als homosexuell bekannte Opfer habe 14- bis 16-Jährigen aus dem Umfeld ihrer Clique Geld für sexuelle Handlungen angeboten. Das Landgericht Halle stellt im Urteil fest, die Gruppe, die ihr Opfer als „Kinderficker“ bezeichnet habe, habe den 40-Jährigen für sein Fehlverhalten bestrafen, aber nicht töten wollen. Im August 2004 verurteilt das Gericht zwei vorbestrafte Brüder im Alter von 26 und 29 Jahren daher wegen Raubes mit Todesfolge zu 15 bzw. 14 Jahren und sechs Monat Haft. Drei jugendliche Mittäter werden in einem gesonderten Verfahren zu achteinhalb bis neunjährigen Jugendstrafen verurteilt.

Drei rechtsextreme Skinheads misshandeln in der Nacht zum 29. März 2003 in Frankfurt (Oder) den ehemaligen Punk Enrico Schreiber (25) so schwer, dass er wenige Stunden später in einem Krankenhaus stirbt. Während der mehr als zweistündigen Folter in einer Plattenbauwohnung springt ein Täter, Stephan B. (20), auf Schreiber herum, schlägt ihn mit einer Metallstange und versetzt ihm Messerstiche in ein Bein. Die Brüder Marco S. (26) und Daniel S. (21) prügeln mit. Am Ende der Tortur stehlen die Schläger noch eine Playstation, Schreibers Handy und sein Bargeld. Im Prozess berichten mehrere Zeugen, die Skinheads hätten nach der Tat geäußert, „es war ja nur ein Punk“. Das Landgericht Frankfurt (Oder) wertet den Gewaltexzess als Mord und verurteilt im Dezember 2003 Marco S. zu zwölf Jahren Haft, Bruder Daniel erhält sieben Jahre Jugendstrafe, bei Stephan B. sind es acht Jahre. Das Gericht sieht keine Anzeichen für eine rechte Straftat, betont aber, dass die Gesinnung der Täter „nicht zu übersehen war“.

Gerhard Fischhöder wird in der Nacht zum 10. Juli 2003 in seiner Wohnung in einer Obdachlosenunterkunft in Scharnebeck bei Lüneburg (Niedersachsen) zu Tode getreten. Der 38-jährige Angreifer hatte vorher mit seinem Opfer stundenlang getrunken. Als Fischhöder ihn „arbeitsscheu“ nennt, tritt er plötzlich auf den 49-Jährigen ein. Insgesamt 18 gebrochene Rippen durchspießen die Lunge. Anwohner berichten, dass der Täter zu einer Neonaziclique gehörte, die regelmäßig vor dem Obdachlosenheim durch Pöbeleien, Gewalt und zeigen des Hitlergrußes auffiel. Der Täter wird im Dezember 2003 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Gericht legte es zu seinen Gunsten aus, dass er sich durch die Bezeichnung als arbeitsscheu „subjektiv gekränkt“ gefühlt hätte.

Mit einer Pumpgun betrat Thomas A. am 7. Oktober 2003 die Kanzlei des Rechtsanwalts Hartmut Nickel in Overath (Nordrhein-Westfalen). Der 45-jährige, der nach eigenen Angaben in den achtziger Jahren im südlichen Afrika als Söldner tätig war, erschoss nacheinander den Anwalt, seine Tochter Alja Nickel (26) und seine Ehefrau, Mechthild Bucksteeg (53). Nickel hatte Jahre zuvor in einem Streit um Mietschulden des Täters die Gegenseite vertreten. Der bekennende Rechtsextremist musste daraufhin ein Gehöft verlassen, auf dem er Treffen mit Neonazis veranstaltet hatte. Bei der Bluttat von Overath trug A. am Hemdkragen SS-Runen. Am nächsten Morgen verfasste er ein Flugblatt mit der Überschrift „Deutsches Volk!“ und schreibt darin, „Teile der in der Schutzstaffel zusammengefassten Deutschen Streitkräfte“ hätten nun „mit der Befreiung des Reichsgebietes und der strafrechtlichen Verfolgung der Hochverräter begonnen“. Am 14. Oktober werden A. und seine 19-jährige Freundin Jennifer D., die bei der Tat geholfen hatte, festgenommen. Das Landgericht Köln verurteilt A. im Dezember 2004 wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Diese sei nötig, weil – so die Richter – A. „den bewaffneten Kampf nach seiner Haftentlassung fortzusetzen gedenkt“. Die Komplizin erhält siebeneinhalb Jahre Jugendstrafe. Die Strafkammer beschreibt im Urteil, wie A. nach dem Mord an Mechthild Bucksteeg, die ihn am Eindringen in die Kanzlei hatte hindern wollen, seine Hemmung zur Tötung des Anwalts und dessen Tochter überwand: „Er versetzte sich gedanklich in die Position des von ihm erdachten Sturmbannführers Hans Völker, dessen Pflicht es sei, gemäß den fortgeltenden Reichsgesetzen und Führerbefehlen Hochverräter, Kollaborateure und Staatsfeinde – hier: Hartmut und Alja Nickel – zu töten.“ Außerdem heißt es, die NS-Anschauung habe A. „ein Handeln mit Härte, Entschlossenheit und ungerührtem Vollstreckerwillen“ ermöglicht“. In der Statistik rechts motivierter Tötungsdelikte wird der Dreifach-Mord trotzdem nicht aufgenommen.

Der Skinhead Leonhard S. (17) ersticht am 19. Dezember 2003 in Heidenheim (Baden-Württemberg) die Spätaussiedler Viktor Filimonov (15), Waldemar Ickert (16) und Aleksander Schleicher (17). Die Opfer waren nahe einer Diskothek mit dem Rechtsextremisten in Streit geraten. Leonhard S. sticht gezielt in die Herzen der Opfer, so wie er es in seiner Clique geübt hatte. Das Landgericht Ellwangen verurteilt S. im Juli 2004 zu neun Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags. Die Tat sei nicht rassistisch motiviert, aber ohne den ausländerfeindlichen Hintergrund des Angeklagten nicht erklärbar, sagt die Kammer. Die Staatsanwaltschaft spricht noch heute von einem „Kapitalverbrechen mit rechtsextremem Hintergrund“.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

1990 - 1991 - 1992 - 1993 - 1994 - 1995 - 1996 - 1997 - 1998 - 1999

2000 - 2001 - 2002 - 2003 - 2004 - 2005 - 2006 - 2007 - 2008 - 2009

2010

Todesopfer rechter Gewalt

Umfrage

Wie soll die Politik künftig mit Nazi-Aufmärschen umgehen?

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Weitere Themen

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Tagesspiegel Abonnement


Der Tagesspiegel - Täglich Nachrichten aus dem Zentrum der Entscheidungen.


Gedruckt jeden Morgen nach Hause

Probeabo - 14 Tage kostenlos.

Digital ab 19.30 Uhr am Vortag

E-Paper für 30 Tage kostenlos.
App für Smartphone und Tablet
Digitalpaket mit Tablet + E-Paper

Leserservice

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Jetzt Tagesspiegel testen