Politik : Rechtsextremistische Gewalt: "Ich habe Angst, wo ich auch bin"

Frank Jansen

Die rechte Hand stockt vor dem Mund. Etwa eine Minute scheint Wolfgang Thierse den Atem anzuhalten, als könne er kaum glauben, was ihm berichtet wird. "Ich bin letztes Jahr nochmal angegriffen worden", sagt Issaka Kaba, "in einer Straßenbahn in Potsdam." Zwei Skinheads schlugen zu. Der Flüchtling aus dem afrikanischen Bürgerkriegsland Sierra Leone senkt den Kopf, obwohl er den Bundestagspräsidenten direkt anspricht. "Ich habe Angst. Deshalb frage ich Sie, ob Sie mir helfen können." Thierse erkundigt sich, wo Kaba wohnt. "In einem Heim in Potsdam", sagt Kaba. "Das ist keine Garantie. Ich habe Angst, überall wo ich bin. Als ob immer jemand hinter mir läuft."

Der schmächtige 18-Jährige sitzt an einem großen runden Tisch im Präsidiumszimmer des Reichstagsgebäudes. Wolfgang Thierse hat sich eine dreiviertel Stunde Zeit genommen, um zwei Tage nach dem Urteil im "Hetzjagd-Prozess" mit vier Afrikanern zu sprechen. Sie haben eines gemeinsam: Die Hetzjagd ist ein harter Einschnitt in ihr Leben. Issaka Kaba war bei dem Algerier Farid Guendoul alias Omar Ben Noui, als dieser in Guben im Februar 1999 auf der Flucht vor Kahlköpfen eine Glastür eintrat und schwere Schnittverletzungen erlitt. Kaba versuchte vergeblich, für seinen sterbenden Freund Hilfe zu holen. Nach dieser traumatischen Nacht wurde der Asylbewerber in Guben auch noch von einem Neonazi eingeschüchtert: ich kenne dich ... Aus Sicherheitsgründen verlegte die Ausländerbehörde Kaba nach Potsdam. Kaum war er dort, überfielen ihn die zwei Skins in der Straßenbahn.

In der Nähe von Thierse sitzt Khaled Bensaha. Auch der 28-Jährige war mit Farid Guendoul unterwegs - und wurde von den Verfolgern erwischt. Einer trat zu, doch Bensaha kam knapp davon. Schräg gegenüber von Thierse haben Malik und Kamel Guendoul Platz genommen. Die zum Urteil aus Algier angereisten Brüder des toten Farid kauern eher als dass sie sitzen. Ihre Verbitterung ist auch ohne Worte an der gekrümmten Haltung und den gesenkten Köpfen zu erkennen. Thierse bittet, sein Beileid anzunehmen und will ein wenig Mut zusprechen. "Der größere Teil der deutschen Bevölkerung hat die Straftat von Guben und die Art und Weise, wie sich die jugendlichen Täter und ihre Anwälte benommen haben, mit großer Betroffenheit und Empörung wahrgenommen", sagt der Bundestagspräsident.

Die Guendouls, Kaba, Bensaha, die mitgekommenen Anwältinnen und Dolmetscher nehmen diese Worte dankbar auf. Doch die Afrikaner bleiben aufgewühlt. Bei Bensaha, stärker noch bei Kaba, dominiert die Angst vor dem weiteren Leben in Deutschland. Die Brüder Guendoul können die schwere Enttäuschung nicht verwinden, die das milde Urteil für die elf Angeklagten im "Hetzjagd-Prozess" für sie bedeutet - nur ein Täter muss Farids Tod im Gefängnis büßen.

Zuerst spricht der 40 Jahre alte Malik, knetet nervös seine Hände. Doch plötzlich unterbricht ihn Kamel. "Die Neonazis haben im Gerichtssaal gelacht!" Der 26-Jährige klopft auf den Tisch, "wenn ich das gewusst hätte, ich wäre nicht gekommen." Thierses Hand steht wieder vor dem Mund. Die Verzweiflung der Afrikaner geht ihm nahe. Dennoch vermeidet er Richter- und Urteilsschelte. Thierse hört zu, wo er sich kümmern kann, will er es tun. Für Khaled Bensaha hat er sich bereits eingesetzt, als dessen Aufenthaltsstatus unklar war. Auch Issaka Kabas Hoffnung auf einen Wechsel ins halbwegs sichere Berlin hat am Tisch ein Mitarbeiter von Thierse registriert. Im Fall der Guendouls kann der Bundestagspräsident nur "gute Heimreise" wünschen. "Und, so weit es geht, dass sie nicht nur finsterste Erinnerungen an Deutschland mitnehmen".

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