Politik : Rechtswege: Gefährlich intelligent (Gastkommentar)

Gerhard Mauz

In der vergangenen Woche kam in Berlin der als "Dagobert" bekannt gewordene Kaufhauserpresser Arno Funke auf freien Fuß. Von den neun Jahren Freiheitsstrafe, zu denen er verurteilt worden war, hatte er zwei Drittel verbüßte. In den Kommentaren dazu wurde daran erinnert, dass er ein ehemaliger Schwerverbrecher ist, der Menschenleben aufs Spiel gesetzt hat. Auch beklagte der Kriminaldirektor, der seinerzeit den Erpresser gejagt hatte, "dass Herr Funke als derjenige dargestellt wird, der damals als Dagobert jahrelang die Polizei narrte. Er ist vielmehr der Mann, der Bomben gelegt und Menschenleben gefährdet hat".

Es stellt keine Kritik an diesen mahnenden Äußerungen dar, wenn hier noch einmal von Arno Funke die Rede ist. Sein Fall gehört in eine Reihe von schwersten Straftaten, aus denen sich ein Hinweis ergibt, an den auch erinnert werden muss.

Unerkannt unterfordert

In Hamburg stand 1970 ein 45 Jahre alter Feuerwehrmann vor dem Schwurgericht, das damals noch mit drei Berufsrichtern und sechs Laien besetzt war. Der Angeklagte, verheiratet und Vater von zwei Kindern, hatte zehn Jahre lang eine Geliebte und mit ihr ein Kind gehabt. Er hatte ein "Doppelleben" geführt. Während eines Urlaubs mit der Geliebten und dem Kind kam es zu einem Streit. Die Ehefrau, die von dem Verhältnis erfahren hatte, drängte auf dessen Beendigung. Die Geliebte wollte die Scheidung der Ehe. Der Feuerwehrmann erwürgte sie in dem Streit. Und als das Kind hereinkam, sagte er ihm, die Mutter sei gestürzt, gab ihm Tabletten, um es zu beruhigen, nicht um es zu töten - doch er gab ihm eine zu hohe, tödliche Dosis.

Das Gericht entschloss sich mitten in der Hauptverhandlung, den Angeklagten von einem Psychiater und einem Psychologen begutachten zu lassen. Das Ergebnis war, dass der Angeklagte nicht zur lebenslangen Freiheitsstrafe, sondern zu zwölf Jahren verurteilt wurde. Der Psychologe Herbert Maisch hatte festgestellt, und der Psychiater stimmte ihm zu, dass der Angeklagte nicht nur intelligent, sondern sogar hoch intelligent sei.

Seine Intelligenz hätte ihm eine akademische Ausbildung ermöglicht, wäre es ihm nur möglich gemacht worden, sie auszubilden und zu entwickeln. Er hätte nicht nur Feuerwehrmann, er hätte Chef der Feuerwehr werden können. Maisch nannte ihn einen "Sprengkörper im sozialen Gefüge" - einen Sprengkörper, dessen besondere Gefährlichkeit darin besteht, dass sie nicht nur seiner Umgebung, sondern auch ihm selbst unbekannt ist. Er beschrieb einen Menschen, den das Leben unter seinem Wert handelt, dem nicht zugebilligt wird, was er sein könnte.

Im Prozess gegen Arno Funke 1995 brachten wieder ein Psychiater und eine Psychologin die Überraschung, dass der Angeklagte über eine "sehr hohe", in einem wichtigen Bereich sogar eine "extrem hohe Intelligenz" verfügt. Er wusste nicht, wozu er fähig war. Niemand entdeckte, was in ihm steckte. Er landete in dem Beruf eines Schilder- und Lichtreklameherstellers - einem Beruf, der ein Hohn auf das war, was er hätte werden können. Auch er führte ein Doppelleben. Er brachte sich leidlich durch. Aber er begehrte auch dagegen auf, dass ihm nicht mehr gelang, obwohl er spürte, dass ihm mehr möglich wäre.

Der falsche Platz im Leben

Die Erpressungsversuche, in denen er aufbegehrte, werden zu Recht kriminell genannt, verfolgt und bestraft. Doch extrem begabte Menschen, das ist die Lehre aus dem Fall des Feuerwehrmanns und dem Arno Funkes, die nicht einmal annähernd einen Platz im Leben erreichen, der ihren Möglichkeiten entspricht, weil niemand ihre Begabung erkennt und fördert, sind gefährdet, sind eine Gefahr. Die Umstände, die zur Folge hatten, dass diese beiden Männer kriminell explodierten, weil sie aus ihren Begabungen nichts machen konnten, lassen sich hier nicht darstellen, aber sie sind bekannt und überzeugend.

Auch die Frau, die in diesem Jahr in München zu fünf Jahren verurteilt wurde, sie hatte ihre drei Kinder getötet und ihr Versuch, sich selbst zu töten, war nur knapp gescheitert, verfügte über eine Intelligenz, die es ihr ermöglicht hätte, Abitur zu machen, zu studieren und etwa Lehrerin und Schulleiterin zu werden. Niemand hatte sich bemüht, herauszufinden, was in ihr steckt, wozu sie fähig ist. Sie fühlte, dass sie zu mehr, zu viel, viel mehr im Stande ist. Doch dieses Gefühl ließ sie Dinge unternehmen und wagen, die ihr nicht gelingen konnten, weil das, was in ihr steckt, nicht entdeckt, gefördert und entwickelt worden war.

Es steht zu fürchten, dass unser Zusammenleben durch soziale Sprengkörper, wie die hier geschilderten, immer öfter gefährdet werden wird.

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