Rede an die Nation : Syrien: Obama spannt den Bogen bis zum Holocaust

Er spricht von Menschen, die das Assad-Regime „vergast“ hat: Am Dienstagabend hat sich US-Präsident Barack Obama an sein Volk gewandt, um es von der Notwendigkeit einer Aktion gegen Syrien zu überzeugen. Die russische Chemiewaffen-Diplomatie spielte in der Ansprache kaum eine Rolle.

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US-Präsident Barack Obama hat eine Rede an die Nation gehalten. Thema: Die Reaktion auf den Giftgaseinsatz in Syrien.
US-Präsident Barack Obama hat eine Rede an die Nation gehalten. Thema: Die Reaktion auf den Giftgaseinsatz in Syrien.Foto: dpa

Es klopft. Und noch einmal und immer wieder. Die Mikrofone fangen unbarmherzig jede Berührung des Stehpults ein. 16 Minuten lang bewegt Barack Obama fast unablässig seine Hände. Von 21.01 Uhr bis 21.17 Uhr Ortszeit gestikuliert der Präsident der Vereinigten Staaten im East Room des Weißen Hauses hinter seinem Pult, den Blick fest in die Kameras gerichtet. Es klopft, als Obama von Menschen spricht, die das Assad-Regime „vergast“ hat. Es rumpelt, als der US-Präsident auf die Bürde verweist, die die Vereinigten Staaten zu tragen hätten, damit die Welt eine bessere sei. Hier spricht ein Mann, der sich mit einer schwierigen Entscheidung gegen die eigene Nation weiß. Es ist die Rede „an ein Volk, das nicht in den Krieg ziehen will, von einem Präsidenten, der nicht in den Krieg ziehen will“, wie später "CNN"-Moderator Jake Tapper twittern wird.

Barack Obama: Das Regime in Syrien hat mehr als 1000 Menschen vergast

Am Dienstagabend hat sich der US-Präsident mit einer Ansprache an sein Volk gewandt, um es von der Notwendigkeit einer Aktion gegen Syrien zu überzeugen. Kaum eine Rolle spielte in seiner Rede die russische Initiative zur Abgabe aller Chemiewaffen durch Syrien, bei der es noch „zu früh“ sei, um ihren Erfolg abschätzen zu können. Heute Abend ringt Barack Obama noch einmal darum, die moralische Legitimität seines Handelns zu vermitteln. Der US-Präsident spricht von den Bildern sich windender Menschen, von einem Vater, der seine „vergasten“ Kinder rüttelt und zum Aufstehen bewegen will. Und er spannt den historischen Bogen bis zum Holocaust.

„Wir haben dem Ruf nach militärischer Aktion lange widerstanden“, beteuerte der Präsident, „weil wir nicht den Bürgerkrieg von anderen lösen können, erst recht nicht nach einem Jahrzehnt des Krieges im Irak und in Afghanistan.“ Aber mit dem Giftgasangriff vom 21. August habe sich die Situation grundlegend geändert. Das Regime Baschar al-Assads habe mehr als 1000 Menschen vergast. Schon im Ersten Weltkrieg seien tausende amerikanische GIs in Europa mit Giftgasen getötet worden. „Im Zweiten Weltkrieg haben die Nazis Gas genutzt, um den Horror des Holocaust zu begehen“. Deshalb seien chemische Waffen heute gebannt. Deshalb müsse das Assad-Regime zur Verantwortung gezogen werden.

Auf der Flucht
Das ist Leben gerettet, aber es bleibt ein Kampf: Ein syrisches Kind im Flüchtlingscamp Al Zaatri in der jordanischen Stadt Mafraq.Weitere Bilder anzeigen
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11.09.2013 11:11Das ist Leben gerettet, aber es bleibt ein Kampf: Ein syrisches Kind im Flüchtlingscamp Al Zaatri in der jordanischen Stadt...

Obama warnt vor der Gefahr durch Chemiewaffen

Denn nicht zuletzt, das wolle er den vielen Menschen erklären, die ihm geschrieben hätten, schütze er damit die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Sollte die weltweite Ächtung chemischer Waffen schleichend aufgehoben werden, dann nämlich müssten auch US-Truppen fürchten, „auf dem Schlachtfeld“ in Giftgas hineinzulaufen. Und Terroristen könnten leichter an diese Waffen kommen. „Das ist keine Welt, die wir akzeptieren sollten“, sagte Obama. „Das ist es, was hier auf dem Spiel steht.“

Er wisse, dass die Amerikaner vor allem eins „von uns in Washington wollen: dass wir uns darauf konzentrieren, unsere Nation zuhause aufzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen und unsere Kinder auszubilden“. Doch seien die Vereinigten Staaten seit fast sieben Jahrzehnten „der Anker globaler Sicherheit“ gewesen. Die „Bürden der Führungsrolle“ seien oft schwer. „Aber die Welt ist ein besserer Ort, weil wir diese Bürden getragen haben.“ Und deshalb bitte er sie, „meine Freunde auf der Rechten“, und „meine Freunde auf der Linken“, alle Kongressmitglieder, sich zu fragen: „In welcher Welt werden wir leben, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika sehen, wie ein Diktator gegen internationales Recht verstößt und Giftgas einsetzt und wir beschließen, in eine andere Richtung zu blicken?“

Amerika sei nicht der Weltpolizist. Aber wenn Amerika „mit kleinem Einsatz und Risiko“ dafür sorgen könnten, dass Kinder nicht vergast werden, dann sollte Amerika handeln. „Das ist es, was Amerika anders macht. Das ist es, was uns außergewöhnlich macht.“

Die ersten Reaktionen, nachdem die großen US-Sender die Ansprache übertragen hatten, fielen nicht überschwänglich aus. Beim konservativen Sender „Fox“ hieß die Prognose: „Null Effekt“ auf die kriegsmüden Amerikaner. In einer Blitzumfrage bei CNN sagten zwar 61 Prozent der befragten Zuschauer, Obamas Position zu Syrien habe sie überzeugt. Doch gingen zugleich fast zwei Drittel davon aus, dass der Konflikt jetzt diplomatisch gelöst werden kann.


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