Rede vor Politikern : Papst wirbt für Toleranz

Unbeeindruckt von Demonstrationen und der Festnahme von sechs unter Terrorverdacht stehenden Männern hat Papst Benedikt XVI. seinen Staatsbesuch in Großbritannien fortgesetzt. In einer seiner wichtigsten und historisch bedeutsamsten Ansprachen forderte er im britischen Parlament den Dialog zwischen Rationalität und Glauben.

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London - Der Papst warnte gleichzeitig die säkulare britische Gesellschaft vor der „Marginalisierung der Religion“. Es gebe Kräfte in der ganzen Welt, die die Religion „zum Schweigen bringen“. Dies gelte sogar in Nationen, die wie Großbritannien eine große Tradition der Toleranz hätten, sagte der Papst.

„Religion ist nicht ein Problem, das die Gesetzgeber lösen müssen, sondern ein lebensnotwendiger Beitrag für die nationale Verständigung“, sagte der Papst. Er sprach vor 2000 Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der 1097 erbauten Westminster Hall im Parlament in London. Unter den Zuhörern waren vier frühere Premierminister, darunter der zum Katholizismus konvertierte Tony Blair.

Der Papst kritisierte die britische Gleichstellungsgesetzgebung, die „paradoxerweise in der Absicht, Diskriminierung zu beseitigen“, Christen zwinge, gegen ihr Gewissen zu handeln. Dies bezog sich auf Vorschriften, dass beispielsweise katholische Adoptionsagenturen Kinder an gleichgeschlechtliche Paare vermitteln müssen. Die britische Humanistenvereinigung kommentierte, es sei bedauerlich, dass der Papst bei seinem Besuch diktieren wolle, wie sich die britische Gesellschaft zu organisieren habe.

Nach der Ansprache in der Westminster Hall nahm das Oberhaupt der katholischen Kirche an einem gemeinsamen Gebetsgottesdienst mit dem Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, in der Kirche Westminster Abbey teil. Die beiden Geistlichen beteten gemeinsam für die „Einheit der Christenheit“.

Am Vormittag hatte der Papst in einem katholischen Lehrerseminar in Westlondon eine „Schulversammlung“ von 4000 Kindern geleitet. In Bemerkungen, die klar auf die Skandale um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche gemünzt waren, sprach er Männern und Frauen seinen Dank aus, die ihr Leben der Erziehung junger Menschen widmeten. „Ein Leben im Glauben kann nur in einer Atmosphäre des Respekts und des fürsorglichen Vertrauens entstehen“, sagte der Papst.

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