Politik : Redekunst

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Sylvia von Kekulé

Wieder sind die vier Jahre rum, wieder ist Wahlkampf-Zeit. Die Politiker zeigen, dass sie auch Laster – Wahlmobil genannt – fahren können, sie lächeln von riesigen Plakaten und alles, was sie sagen, ist staatstragend. Das kennen wir, das gehört dazu.

Dazu gehört fortan wohl auch das Kanzler-Duell. Die neue Form der Auseinandersetzung! Ich frage mich, wer da eigentlich mit wem Wahl gekämpft hat. Pro Antwort waren 90 Sekunden vereinbart (jeder, der schon einmal irgendetwas mit Engagement vertreten hat, weiß, dass das ein Unding ist). Nach dem TV-Duell wurde dem Zuschauer dann erzählt, was er eben gesehen hatte. Ich bedaure, dass auch hier auf kurze Statements gesetzt wurde. Damit geschieht in der Sprache, woran wir uns bei der Kameraführung schon (oder doch nicht?) gewöhnen mussten: Der schnelle Wechsel – von Bild zu Bild, von Redendem zu Redendem – verbietet jeglichen Tiefgang. Warum wird nicht gerade in Zeiten, in denen das Interesse der Menschen an den Politikern so groß ist, die Kunst der gebunden Rede gepflegt – wie etwa in den „Sommerinterviews“. Der Moderator kann mit seinem Gegenüber in ein Gespräch eintreten. Ein Gespräch, in dem sich die Befragten entfalten, Hintergründe und Überzeugungen darlegen können. Der Zuschauer lernt die Interviewten auf eine Weise kennen, die der politische Alltag sonst verwehrt.

Unser Wahlkampf ist geprägt von kurzen Sätzen und kurzen Gesten. Wahlkampf sollte aber mehr sein: Ein Resümee und gleichzeitig ein Ausblick, in einer Atmosphäre, die Zeit gibt, für das, was uns alle angeht – die Politik. Die Medien könnten das ermöglichen.

Die Autorin ist Pfarrerin in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin. Bis zum 22. September lesen Sie an dieser Stelle Stimmen zum Wahlkampf.

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