Politik : Reden ist Gold

Waffenmaterial oder nicht? Vieles erfahren die UN-Inspekteure erst im Gespräch mit irakischen Experten

Ruth Ciesinger

Den USA gehen die UN-Inspekteure im Irak nicht weit genug. Bagdad müsse mehr unter Druck gesetzt werden, mehr Untersuchungen und mehr Inspekteure seien gefordert, hört man aus der US-Regierung. Präsident Bush selbst beschuldigt Saddam Hussein, sich über die UN-Leute lustig zu machen, und gibt sich „enttäuscht“ über das bisherige Ergebnis. Doch Melissa Fleming von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zeigt sich wenig beeindruckt. „Wir haben ein Mandat, unsere Arbeit zu tun, was wir auch voll nützen“, sagt sie. Man lasse sich von der Kritik der US-Administration und von den neuen Vorstößen der USA im UN-Sicherheitsrat nicht beirren – Washington will das UN-Programm Öl-für-Lebensmittel für den Irak wieder nur um zwei Wochen anstatt der üblichen 180 Tage verlängern. Ebenso wenig interessiert sich Fleming allerdings auch für die Klagen der Iraker, denen die erste Durchsuchung eines Palastes von Präsident Saddam Hussein höchst unangenehm aufgestoßen ist.

„Wir sind mit der entsprechenden Würde vorgegangen“, kommentiert sie deren Beschwerden. Ansonsten habe sich die Palast-Visite vom Dienstag nicht von der Durchsuchung von Firmen oder Fabriken unterschieden. Dabei sichert zuerst ein irakisches Begleitteam den UN-Experten den Zugang zur Anlage – sonst würden die Inspekteure bereits am einfachen Wachpersonal scheitern. Dann wird das Gebäude „durchkämmt“, so Fleming. Auch Schränke und Safes müssen die Iraker öffnen, da nach allem gesucht wird, was auf Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen hindeuten könnte. Die IAEA-Mitarbeiter haben zudem Geigerzähler und nehmen bei Verdacht Proben, die sie zur Analyse in das Hauptquartier der Behörde nach Wien schicken. Am Mittwoch haben sie den Atomreaktor Tamuz südlich von Bagdad untersucht, ein anderes UN-Team nahm sich den in der Wüste gelegenen Industriekomplex Al Muthanna vor. Dabei sicherte es einen Bestand Senfgasgranaten; die Waffen waren allerdings bereits 1998 vor der Ausreise der Inspekteure entdeckt worden.

Manchmal sind die Funde der Inspekteure allerdings nicht so leicht einzuordnen wie die Granaten. Bei der IAEA hat man so genannte „Doppelzweck“-Listen, auf denen eine Reihe von Materialien verzeichnet ist, die sowohl zu friedlichen Zwecken wie zur Produktion von Massenvernichtungswaffen dienen können. Manche Aluminiumrohre braucht beispielsweise die konventionelle Industrie, genauso können sie zur Anreicherung von Uran für Atomwaffen verwendet werden. Bakterienstämme wiederum benützt man zur Entwicklung von Bio-Waffen wie zu der von Impfstoffen.

Die Mikrobiologin und UN-Inspekteurin Gabriele Kraatz-Wadsack nennt deshalb das Gespräch mit den irakischen Wissenschaftlern als eines der wichtigsten Elemente der Durchsuchungen. Manche Inspektionen werden aus diesem Grund auch kurz vorher angekündigt, damit die Inspekteure mit dem Direktor der Anlage sprechen können. Widersprüche und Lügen seien am besten aufzudecken, wenn sich die Experten in Widersprüche verwickeln, sagt Kraatz-Wadsack. Oder wenn sie vorgeben, an zivilen Produkten zu forschen, bei Nachfrage aber von deren Entwicklung – zum Beispiel Hühnerfutter – gar keine Ahnung haben. Deshalb werden die angehenden Inspekteure bei der Vorbereitung auf ihren Irak-Einsatz auch eine Woche lang in echte Fabriken geschickt – um einen realistischen Eindruck von Produktionsstätten zu bekommen. (mit dpa)

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