Politik : Reederei kritisiert Anti-Piraten-Mission

Nach Tod von Seemann auf Bremer Frachter

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Gekapert. Der Bremer Mehrzweckfrachter
Gekapert. Der Bremer MehrzweckfrachterFoto: dpa

Bremen - Nach dem Piratenüberfall auf den Bremer Frachter „Beluga Nomination“ am 22. Januar im Indischen Ozean hat sich die Lage an Bord dramatisch zugespitzt. Mindestens ein Besatzungsmitglied sei von den somalischen Piraten erschossen worden, bestätigte am Sonntag der Chef der Reederei Beluga-Shipping, Niels Stolberg, auf Anfrage des Tagesspiegels. Zuvor hätten ein Küstenwache-Patrouillenboot der Seychellen und ein dänisches Kriegsschiff das Feuer auf die Piraten eröffnet, ohne den Frachter befreien zu können. Laut „Spiegel“ wurden dabei ein oder zwei Seeräuber erschossen.

Die Tötung des Besatzungsmitglieds könnte laut Stolberg vielleicht eine Vergeltung für den Militäreinsatz gewesen sein. Aber geklärt sei das nicht. „Die Informationslage ist dermaßen desaströs“, sagte Stolberg. „Unsere Irritation über das Krisenmanagement ist groß.“

Der Angriff auf die Piraten sei eigenmächtig erfolgt, ohne Absprache mit der Reederei, sagte der Firmenchef weiter. „Wir sind außen vor, wir werden nicht mal gefragt“, klagte er. Nach Darstellung des Bremer „Weser-Kuriers“ handelte es sich um das erste Todesopfer auf einem gekaperten Schiff eines deutschen Eigners. Zuvor hatte Beluga bereits bestätigt, dass sich zwei Seeleute retten konnten: Sie seien mit einem „Freifallrettungsboot“ geflüchtet und später von einem Militärschiff geborgen worden. Ihnen gehe es „den Umständen entsprechend gut“. Zwei weitere Männer werden noch vermisst.

Nach Informationen des „Weser-Kuriers“ sollen die vier Männer das Durcheinander nach der Schießerei für ihre Flucht genutzt haben: Ein Offizier habe sich mit dem Rettungsboot ins Wasser katapultiert; die anderen drei seien vermutlich hinterhergesprungen, und einer von ihnen sei dann von dem Offizier aufgefischt worden, während die anderen zwei seither vermisst würden.

Insgesamt waren zwölf Seeleute an Bord des 132-Meter-Frachters, der unter der Billigflagge von Antigua und Barbuda fährt. Nach Informationen der Reederei liegt das Schiff inzwischen vor der Küste Somalias. Der Kapitän habe einmal mit dem Beluga-Krisenstab telefonieren dürfen. Lösegeldforderungen seien noch nicht eingegangen.

Laut Stolberg hätte es in den letzten Tagen mehrere Chancen gegeben, das Schiff zu befreien, „jedoch ist bis dato seitens der militärischen Einsatzkräfte vor Ort viel zu wenig passiert“. Die europäische Anti-Piraten-Mission „Atalanta“ hatte erklärt, deren Schiffe hätten wegen zu großer Entfernung und wegen anderer Einsätze nicht helfen können. Laut Stolberg hätten die Soldaten aber in den ersten Tagen, als sich die Besatzung noch in einem Sicherheitsraum verschanzt hatte, aus der Luft eingreifen können. Der Reeder forderte auch die Bundesregierung auf, sich intensiver mit dem Schutz vor Seeräubern zu befassen. „Es macht mich etwas ratlos, wie wenig Bewegung Berlin zeigt“, sagte er. Er fordert schon länger den Einsatz von Bundespolizisten oder Soldaten an Bord gefährdeter Schiffe.

Als Sofortmaßnahme fahren zurzeit drei Beluga-Frachter nicht mehr durch den Suezkanal und den Golf von Aden Richtung Osten, sondern nehmen den langwierigen und teuren Umweg über Südafrika.

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