Politik : Regierungskonferenz: Immerfort Vatertag (Gastkommentar)

Roger Boyes

Zum Vatertag schenkte mir mein Sohn Philip zwei Bob-Dylan-CDs - mit Bill Clintons Lieblingstitel "Blowing in the Wind". Eine zarte Mahnung, dass ich der 68er Generation der vorzeitig ergrauten Staatsmänner, früh pensionierten Terroristen und ausgebrannten Journalisten angehöre. Wir sind alle längst Väter, und das ist eine größere Herausforderung als nationale Raketenabwehr oder Inflationsrate.

Wenn Clinton sich bei Schröder beklagt über deutsche Gerichtsentscheidungen zum Sorgerecht für Kinder aus binationalen, geschiedenen Ehen, dann wirkt das ein wenig absurd. Haben die Regierenden dieser zwei riesigen Volkswirtschaften keine wichtigeren Themen zu besprechen? Aber das gehört zum "Modernen Regieren", zum Dritten Weg der Staatsmannskunst: Die globalen Probleme sind auf das menschlich Überschaubare zusammengeschrumpft - wie Wollsocken, die man zu heiß gewaschen hat.

Mit dem Ende des Kalten Krieges sind die Tod-oder-Leben-Fragen verschwunden. Seither kümmern sich die Väter wieder um ihre Kinder. Und politische Väter machen mit Kindern Politik. Die Boulevard-Zeitungen und die privaten Fernsehsender sind willige Helfer der neuen linken Mitte, und sie fordern fürsorgende politische Führer.

Internationale Gipfel müssen zu Ergebnissen führen, die sich als innenpolitische Triumphe auf den Aufschlagseiten von "Bild", "New York Post" und "Sun" verkaufen lassen. Sind die Aussichten auf einen diplomatischen Erfolg gering, bleibt man besser zu Hause. Siehe Tony Blair - lieber Leo, der für hervorragende Fotos sorgt, als Lionel Jospin.

Letztes Jahr um diese Zeit ordnete Clinton Bombenangriffe auf dem Balkan an. Bei seiner Abschiedsreise durch Europa kämpft er für das elterliche Recht weniger hundert, von deutschen Ehepartnern geschiedener Amerikaner auf ihre Kinder. Man braucht nicht viel Fantasie, welche der beiden Initiativen auf mehr Popularität unter den Lesern der "New York Post" rechnen kann - der Zeitung, die über Hillary Clintons Chancen mitentscheidet, Senatorin des Staates New York zu werden.

Die öffentliche Darstellung der Vaterrolle ist längst nicht mehr nur Inszenierung des Dritten Weges, sie wird immer mehr zur politischen Substanz. Clinton ist für Chelsea ein guter Vater - sagen die meisten. Schröder ein guter Stiefvater für Klara. Und Blair ein fotogener Vater für Leo. Das alles nährt die Illusion, der Dritte Weg forme so etwas wie eine Familie der Staatsmänner, mit entfernten aber nicht weniger geliebten Vettern in Chile, Südafrika, Israel und Neuseeland. Mitte-Links teilt die gleichen Vorstellungen über modernes Regieren, gemeinsame Werte und Lebensideale - ganz wie eine richtige Familie. Eine heile Welt, in der immerfort Vatertag ist.

Dagegen ist die Wirklichkeit grausam: Die Dritter-Weg-Familie ist dabei zu zerbrechen. In Berlin sind erste Anzeichen nicht zu übersehen. Falls auf Bill Clinton der Republikaner George Bush junior folgt, wird das angelsächsische Modell "modernen Regierens" angreifbar. Deshalb werden schon jetzt viele Diskussionen über den Dritten Weg auf Französisch geführt. Bill ist out, Tony nicht da, Gerd will nur gefallen - und die Übrigen sind verwirrt, wofür diese gepriesene Ideologie eigentlich noch steht. Für Reform und Modernität wollen auch Liberale, Christdemokraten und Konservative stehen.

Nur Lionel Jospin scheint noch zu wissen, was er eigentlich will - und so wird sich die Mitte-Links-Familie bald in Tränen auflösen. Es gibt keine bessere Garantie, eine politische Idee scheitern zu lassen, als sie den Franzosen auszuliefern. Man muss nur sehen, was aus der Revolution geworden ist. Cherie Blair hat Recht: Prime Minister ist man nur ein paar Jahre, Vater ein ganzes Leben lang. Vermutlich werden Tony und all die anderen bald sehr viel Zeit für den Nachwuchs haben.

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