Regierungssprecher : Steffen Seibert übt noch

Der neue Regierungssprecher Steffen Seibert ist sichtlich nervös. Die Kanzlerin hofft, dass er bald Erfolg hat - und will ihm "wenig Ärger" machen.

Stephan Haselberger
Auf der anderen Seite. Regierungssprecher Steffen Seibert in der Bundespressekonferenz.
Auf der anderen Seite. Regierungssprecher Steffen Seibert in der Bundespressekonferenz.Foto: dpa

Berlin - Angela Merkel macht nicht viele Worte. Die Kanzlerin steht auf einer grauen Bühne in einem grauen Saal. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt nach dem Urlaub. Glaubt man dem einen oder anderen Bericht, dann hat sich die Regierungschefin während ihrer Wanderungen durch die Dolomiten dazu durchgerungen, die Dinge nicht länger treiben zu lassen. Führung statt Moderation, Machtwort statt Merkelei – angeblich will die Kanzlerin in Zukunft entschlossen durchgreifen, um den fortwährenden Ansehensverlust der schwarz-gelben Koalition zu stoppen. Angeblich.

Neben Merkel auf dem Podest im Bundespresseamt steht der Neue. Anders als die Koalition verfügt Steffen Seibert, ehemaliger Moderator der ZDF-Nachrichtensendungen „Heute“ und „Heute-Journal“, über einen guten Ruf bei den Deutschen. Für viele seiner einstigen Zuschauer verkörpert er Glaubwürdigkeit und Seriosität. Wahrscheinlich hat Merkel sich deshalb für ihn entschieden. Als Chef des Presseamtes und Regierungssprecher soll Seibert fortan erklären, was den Koalitionären in der Vergangenheit selbst nicht immer ganz klar war: Den Sinn schwarz-gelber Politik.

„Ich wünsche Ihnen natürlich auch aus Eigeninteresse viel Erfolg“, sagt Merkel in ihrer Rede zur Amtseinführung vor den Mitarbeitern des Amtes. Dass Seiberts Erfolgsaussichten maßgeblich von ihrer Entschlossenheit zu einem neuen Führungsstil abhängen, erwähnt sie allerdings nicht.

Zehn Minuten dauert die Ansprache der Kanzlerin. Zehn Minuten, in denen sie Seibert Zugang zu allen Informationen zusagt und außerdem verspricht, ihm „wenig Ärger“ zu machen. Wahrscheinlich hat sie zuvor Seiberts ersten Auftritt vor der Bundespressekonferenz im Fernsehen verfolgt. „Sie sind jemand, dem man schnell ansieht, wenn er etwas nicht hundertprozentig überschaut“, sagt Merkel. Und fügt hinzu: „Das gibt die Möglichkeit des ehrlichen Fragens und Antwortens.“

Tatsächlich hat Seibert bei seiner ersten Regierungspressekonferenz vor den Hauptstadt-Korrespondenten erst gar nicht versucht, den Eindruck zu erwecken, er überschaue die Dinge in Gänze. Statt dessen spricht er gleich zu Beginn von seiner Nervosität: „Es ist wie Abitur und Führerscheinprüfung zusammen.“ Das wirkt sympathisch und entschuldigt den einen oder anderen Lapsus, der dem Nachrichten-Profi während der 90-minütigen Befragung unterläuft. Einmal kommentiert er die Steuersenkungsvorschläge der FDP in ungewöhnlicher Deutlichkeit als irrelevant für das Regierungshandeln. Ein andermal verweigert er die Antwort auf die Frage nach den Themen bei der bevorstehenden Begegnung von Merkel mit dem neuen tschechischen Premier Petr Necas. Auch das entspricht nicht den Gepflogenheiten.

Unter den Journalisten in der Bundespressekonferenz sitzt am Montag auch Michael Schroeren, heute Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag. Als Sprecher der Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD) nahm Schroeren elf Jahre lang regelmäßig auf dem Podium der Bundespressekonferenz Platz. Er weiß, wie es sich anfühlt da oben. Er weiß aber auch, welche Fehler man machen kann. Sein Urteil über Seiberts ersten Auftritt fällt jedenfalls wenig schmeichelhaft aus: „Bei seiner offensichtlichen Nervosität habe ich ein bisschen mitgelitten, das kenne ich. Und dann ging schief, was nicht gut gehen kann: Zu viel und zu lange reden, obwohl der Bauch hohl ist. So wusste er nicht, worüber die Bundeskanzlerin in der kommenden Woche mit dem tschechischen Premier reden wird. Und als es um Merkels Energiepolitik ging, half ihm kein Teleprompter weiter, ihm gingen schlicht die Worte aus.“

Tragisch ist das alles nicht. Steffen Seibert übt noch, so ist das am Anfang. Es kann nur nicht lange so bleiben.

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