Regierungsviertel in Berlin : Die Schweizer Botschaft wird 150 Jahre alt

Eine wie keine: 150 Jahre alt wird die Schweizer Botschaft in Berlin. Ihr großes Privileg: Sie liegt gleich neben dem Kanzleramt. Berühmt wurde sie durch ihre wilde Zeiten.

Christine Schraner Burgener, Botschafterin der Schweiz.
Christine Schraner Burgener, Botschafterin der Schweiz.Foto: Christian Beutler/ps/Keystone

Manchmal, wenn nachts geheimnisvoll die Böden knarren, wünscht sich Christine Schraner Burgener, die Wände könnten anfangen zu erzählen, wie es früher war in dem alten Botschaftsgebäude. Die Schweizer Botschafterin wüsste so gern, wie es hier zuging in den Goldenen Zwanziger Jahren, als Hermann Rüfenacht dort Botschafter war und im Ballsaal bei den legendären Festen für die damalige High Society auch Außenminister Gustav Stresemann und seine Frau ausgelassen tanzten. Am 30. Juni wird sie selber Gastgeberin eines festlichen Abends sein, bei dem „150 Jahre Schweizer Vertretung in Berlin“ gefeiert werden.

Gebaut wurde das Haus, das heute in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bundeskanzleramt steht, 1870 für den Obermedizinalrat Friedrich Theodor Frerichs. Alfred von Planta kaufte als Gesandter am 15. Oktober 1919 das Haus für die Schweiz und bezahlte 1,7 Millionen Reichsmark dafür. Bis dahin hatten die Schweizer Diplomaten sich in wechselnden Häusern im südlichen Tiergartenviertel eingemietet.

Ausschlaggebend für die Idee einer Gesandtschaft in Berlin war 1866 der Sieg Preußens über die Österreicher in der Schlacht bei Königgrätz gewesen. Dadurch wurde eine Gesandtschaft am preußischen Hof notwendig. Unter den ersten Gesandten nahm Arnold Roth aus Appenzell eine herausragende Stellung ein. Er blieb 27 Jahre lang, bis er 1904 im Amt verstarb. Kaiser Wilhelm II. betrauerte damals einen Freund, der ihm persönlich nahegestanden habe. Auch Hermann Rüfenacht nahm in der Reihe der Schweizer Diplomaten eine besondere Stellung ein. Die rauschenden Feste für die Prominenten der Goldenen Zwanziger finanzierte er teils mit eigenem Geld. Informationen aus erster Hand im entspannten festlichen Rahmen erhöhten freilich auch die Qualität seiner politischen Berichte nach Bern. Er blieb bis 1932 Hausherr in der Gesandtschaft.

Ganz still im Ballsaal

An einem Frühsommernachmittag im 150. Jahr der Schweizer Vertretung in Berlin ist es ganz still im Ballsaal. Eine riesige Kuhglocke aus dem Wallis, ein Geburtstagsgeschenk ihres Schwagers, der dort Regierungsratspräsident ist, leistet still ihren Beitrag zum Schweizer Charme des Saals. Solche Elemente sind der Botschafterin wichtig. Auf der Anrichte im Speisezimmer, wo gerade ein Angestellter Platzteller für das am Abend anstehende Dinner für 24 Personen poliert, steht eine lange Reihe handgeschnitzter Schweizer Kühe. Im Garten leuchtet ein rot-weiß gestreifter Strandkorb. Den hat sie in einer Behindertenwerkstatt anfertigen lassen für ihren Mann: „In unserem Chalet in den Bergen ist es auch windig, da können wir ihn gut brauchen.“

Weiter geht es in die Küche im Keller, wo der Chefkoch gerade Aprikosen fürs Dinner verarbeitet. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Reichstag, warteten im April 1945 die letzten Schweizer Diplomaten mit Bangen das Ende des Zweiten Weltkriegs ab. Von 1938 an war Hans Fröhlicher Gesandter der Schweiz. Er war sehr umstritten, unter anderem weil er dem Bundesrat in den ersten Kriegsjahren empfohlen hatte, Deutschland großzügige Wirtschaftskredite zu geben und um des Überlebens willen daheim die Pressefreiheit einzuschränken. Am 28. April 1945 kam die Rote Armee über den Spreebogen. Die 150. Division richtete im Botschaftsgebäude ihr Hauptquartier ein und bereitete den Angriff auf den nahe gelegenen Reichstag vor, der von dort aus auch geleitet wurde.

Die Bewohner wurden in den fensterlosen gekachelten Keller gesperrt, der heute erfreuliche Vorräte an Schweizer Weinen beherbergt. Auf dem Weg dorthin blickt man in die Tiefgarage, die vor dem Regierungsumzug Ende der 90er Jahre gebaut wurde und nicht lange nach der Jahrtausendwende Schauplatz der legendären Luder-Affäre gewesen sein soll. Aber da tobte hier schon die Spaßgesellschaft mit ihren boulevardesken Auswüchsen. Der Krieg war lange vorbei und der Dornröschenschlaf des Hauses in einer Brache im Niemandsland ebenfalls. Zu Mauerzeiten unterhielt die Schweiz seit 1973 eine Vertretung in Pankow, außerdem im Westen im Raum Köln/Bonn seit 1920 ein Generalkonsulat, seit 1957 eine Botschaft.

Eigentlich hatte die Schweiz die Immobilie in West-Berlin längst verkaufen wollen. Aber das war nicht so leicht. Vor dem Fall der Mauer war hinter dem Reichstag die freie westliche Welt zu Ende. Da wollte niemand zuschlagen, nicht mal der Senat. „Nur weil wir so langsam sind, haben wir jetzt die am besten gelegene Botschaft von allen“, scherzte Paul Widmer manchmal, der in den 90er Jahren Schweizer Gesandter war und sogar ein Buch über das Gebäude geschrieben hat.

Eine würdigere Botschafterin als Christiane Schraner Burgener könnte die Schweiz im Jubiläumsjahr kaum haben. Sie hatte eine kleine Revolution in dem als konservativ geltenden Auswärtigen Dienst der Schweiz bewirkt, indem sie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit für Frauen erstritt, was von den in der Überzahl befindlichen Männern zunächst strikt abgelehnt wurde. Schließlich wurde erst im Juni 1981 die Gleichberechtigung der Frau in der Bundesverfassung verankert. So was muss ja erst mal einsinken. Immer wieder ließ die Mutter zweier Kinder sich Lösungen einfallen, wie man Familienarbeit und Kindererziehung mit 100-prozentigem Einsatz im Beruf vereinbaren könnte. Die in Tokio aufgewachsene Juristin und Expertin für Kriegsvölkerrecht wünschte sich beispielsweise den Botschafterposten in Thailand. Die Zuständigkeit für vier Länder war in ihren Augen ideal.

So wurde sie Botschafterin für Thailand, und ihr Mann, der ebenfalls Diplomat ist, bekam die Zuständigkeit für Laos, Myanmar und Kambodscha. Konsularisch fiel noch Malaysia in ihr Revier. So konnte die Familie meist zusammenleben. Seit 2015 vermittelt sie auf dem Botschafterinnenposten in Berlin ein modernes frauenfreundliches Bild der Schweiz. Zum Einkaufen und sogar zum Auswärtigen Amt fährt sie gern mal mit dem Fahrrad. Bei offiziellen Terminen kommen die Pumps halt in den Korb, bis sie angekommen ist. Nach einem kräftigen Gewitter erzählt sie der Besucherin, wie viel Wasser sie gerade vom Boden gewischt hat. Die Residenz befindet sich nur ein Stockwerk über ihrem Büro. Das hat Nachteile, wenn man Abstand möchte, aber Vorteile, wenn man am Wochenende noch Schreibtischarbeit erledigen muss. Der Ehemann ist inzwischen Inspektor für alle Schweizer Botschaften weltweit und kann in dieser Position auch dort wohnen. Die 21-jährige Tochter studiert in Berlin Jura, der 18-jährige Sohn hat gerade Abitur gemacht.

Einmal im Monat öffnet Christine Schraner Burgener die Botschaft mit Auftritten Schweizer Künstler, zu denen sich alle Kulturinteressierten anmelden können. Im Anschluss tauscht man sich bei warmen Käsebroten und Fendant aus.

Die Ära Borer-Fielding

Es gab schon wildere Zeiten hier. Mit dem Regierungsumzug 1999 geriet das Haus mitten ins Scheinwerferlicht. Damals kamen ja nicht nur Botschaften, sondern auch Landesvertretungen und Lobbyisten. Man musste einander kennenlernen, nicht überall ging es so ernsthaft zu, wie man erwarten sollte. Die Spaßgesellschaft tobte sich aus. Der damalige Botschafter Thomas Borer-Fielding und seine texanische Ehefrau, die Schauspielerin Shawne Borer-Fielding, passten im Grunde perfekt in diese Landschaft und wurden schnell zum gesellschaftlichen Mittelpunkt. Zuerst tauchten Fotos auf, die das Ehepaar bei einer privaten Party in ausgefallener Kostümierung zeigten.

Das „Cow-Girl von der Alm“ ließ sich von der Zeitschrift „Max“ im Botschaftsgebäude fotografieren in verschiedenen Outfits, die nicht alle hochgeschlossen waren. Shawnes Auftritt auf einem Schimmel ließ in Bern die Mundwinkel in den Keller sacken. Ihre Feste zum Nationalfeiertag am 1. August waren rasch so legendär wie die Feten der 20er Jahre, einmal bestaunten am 1. August 1500 Gäste ein Riesenfeuerwerk. „Botschafter Lustig“, wie er daheim genannt wurde, rief auch Neider auf den Plan. Dass die Schweizer Boulevardmedien irgendwann zum Halali blasen würden, damit hätte Borer wohl nicht gerechnet. Als der „Sonntags-Blick“ von einem nächtlichen Treffen mit einer jungen Frau berichtete – es war die Hochzeit der Partyluder –, wurde der Botschafter abberufen. Minutenlang spendeten die Repräsentanten der Berliner Gesellschaft dem scheidenden Botschafter 2002 Beifall, an der Spitze der damalige Regierende Bürgermeister und der Kulturstaatsminister. Wenn die Wände aus jener Zeit erzählen würden, dann würde die Botschafterin wohl manchen Krimi aus der Hand legen.

Danach wurde es ruhiger, gediegener. Es gab freilich einige politische Querelen. Neben dem lang anhaltenden Fluglärm-Streit um den Flughafen Zürich und der über Deutschland gelegenen Anflugschneise, der nach Ansicht der Botschafterin mit ein wenig Kompromissbereitschaft seitens des baden-württembergischen Parlaments leicht aus der Welt geschafft werden könnte, ging es früher unter anderem um Steuerflucht und Bankgeheimnis. „Insgesamt“, sagt die Botschafterin, „sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern aber eng und sehr gut.“

Zum 150. Geburtstag der Gesandtschaft will Christine Schraner Burgener zum Fest alle Ehemaligen einladen, auch Thomas Borer. Von Shawne Fielding ist er freilich längst geschieden. Der ehemalige Diplomat arbeitet als Unternehmensberater.

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