Regimekritiker : Deutscher in Syrien verschwunden

Der Regimekritiker Ismail Abdi wurde bei einem Familienbesuch in Syrien verhaftet.

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Der Besuch bei seiner 90-jährigen schwer kranken Mutter in Syrien ist dem Kieler Ismail Abdi zum Verhängnis geworden. Vor dem Rückflug nach Deutschland wurde der Mann auf dem Flughafen von Aleppo von zivilen Sicherheitskräften vor den Augen von Familienangehörigen festgenommen. Das passierte bereits am 23. August. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen von dem 50-jährigen Deutschen mit syrischer Abstammung.

Menschenrechtsexperten von Pro Asyl, der Gesellschaft für bedrohte Völker und Human Rights Watch, die seit geraumer Zeit Syrien der Folter und willkürlicher Inhaftierungen bezichtigen, machen sich Sorgen um das Schicksal des früheren Juristen, der in Kiel inzwischen als Taxifahrer beschäftigt ist. „Ich vermute, irgendjemand hat dem Geheimdienst einen Tipp gegeben“, sagt Abdis Tochter Farah, die sich wie ihr Vater für ein 1989 gegründetes Menschenrechtskomitee zur Verteidigung demokratischer Freiheiten in Syrien engagiert, das im Internet 600 Namen von Personen veröffentlicht hat, die seit 2008 in dem arabischen Land wegen oppositioneller Tätigkeiten oder Veröffentlichungen verhaftet wurden.

Inzwischen ist das Auswärtige Amt in den Fall eingeschaltet, hat aber trotz mehrfacher Anfrage beim syrischen Außenministerium keine Antwort über den Verbleib und den Gesundheitszustand von Ismail Abdi bekommen. Ein Sprecher bekräftigte, dass man sich weiterhin beharrlich „über verschiedene Kanäle“ um konsularischen Kontakt bemühe. Auch eine Demonstration Anfang der Woche vor der syrischen Botschaft in Berlin führte zu keiner Reaktion von syrischer Seite.

Als Kritiker der Staatsführung unter Präsident Assad flüchtete Ismail Abdi vor 13 Jahren aus Syrien und bekam in Deutschland nach acht Jahren die Anerkennung als politischer Asylant. Die politische Verfolgung wurde ihm damit attestiert. Seit 2006 besitzt er die deutsche Einbürgerungsurkunde. In Syrien wird jedoch niemand aus seiner Staatsbürgerschaft entlassen. Folglich wird er dort als syrischer Staatsbürger betrachtet, über das Land zu keiner Auskunft gegenüber anderen Staaten verpflichtet ist.

Da drei vorhergehende Besuche mit dem deutschen Pass in seiner früheren Heimat problemlos abliefen, wähnte Ismail Abdi sich bei seinem neuerlichen Besuch in diesem Sommer in Sicherheit.

Farah Abdi berichtet aber, dass Onkel von ihr in syrischen Gefängnissen gefoltert wurden. Die Angehörigen in Kiel rechnen daher mit dem Schlimmsten. Der festgenommene Abdi ist Asthmatiker und benötigt regelmäßig Medikamente. Martin Link vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein: „Es kann sein, dass er für immer verschwindet, wenn sich niemand für ihn einsetzt.“ Am Freitag traf sich seine Familie in Kiel mit dem schleswig-holsteinischen Integrations- und Justizminister Emil Schmalfuß (parteilos). Inzwischen sind auch Vertreter aus allen Bundestagsfraktionen über die Vorkommnisse informiert und Familie Abdi hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Brief mit der Bitte um Unterstützung geschrieben.

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