Regionalwahlen in Frankreich : Front National oder Republikaner - ein knappes Rennen

In der ersten Runde lag der Front National in sechs Regionen vorn. Doch im entscheidenden zweiten Wahlgang am Sonntag könnte sich dies ändern. Seit 8 Uhr stimmen die Franzosen ab.

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Die Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Paris.
Die Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Paris.Foto: dpa

In Frankreich werden in diesen Tagen Erinnerungen an den Mai 2002 wach. Damals waren viele Linkswähler vor die schwierige Wahl gestellt, ob sie in der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahl dem Konservativen Jacques Chirac ihre Stimme geben oder durch Fernbleiben bei der Wahl einen Sieg von Jean-Marie Le Pen, des Gründers des rechtsextremen Front National (FN), riskieren sollten.

Einige Anhänger der Sozialisten überlegten damals, sich im Wahllokal Wäscheklammern auf die Nase zu setzen, weil ihnen der ganze zweite Wahlgang stank – ihr Kandidat Lionel Jospin war schließlich schon in der ersten Runde ausgeschieden. Am Ende gaben zahlreiche Linkswähler dem Konservativen Chirac ihre Stimme – und verhinderten, dass Jean-Marie Le Pen Präsident wurde.
Diesmal geht es zwar nicht um die Präsidentschaftswahl, denn die steht erst 2017 wieder an. Aber die zweite Runde der Regionalwahl, die an diesem Sonntag stattfindet, gilt als letzter großer Testlauf vor der Entscheidung über den Staatschef. Wer in eineinhalb Jahren bei den Sozialisten und den konservativen Republikanern antritt, ist noch offen. Staatschef François Hollande hat noch nicht erklärt, ob er wieder kandidieren will. Auch bei den Republikanern werden noch Wetten angenommen, ob Ex-Präsident Nicolas Sarkozy oder der frühere Regierungschef Alain Juppé ins Rennen geht. Nur beim Front National sind die Dinge klar: Parteichefin Marine Le Pen will 2017 als Kandidatin für ihre Partei antreten, die inzwischen ihren Vater Jean-Marie ausgeschlossen und immer breitere Wählerschichten erschlossen hat.

FN-Parteichefin hat schon eine Sprachregelung für den Fall der Niederlage

Marine Le Pen glaubt sich bereits für alle Möglichkeiten gewappnet, wenn am Sonntagabend die endgültigen Ergebnisse der Regionalwahl über die Bildschirme laufen. Für die 47-Jährige, die selbst in der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie im hohen Norden als Spitzenkandidatin antritt, wäre es ein erheblicher Prestigegewinn, wenn die Rechtspopulisten erstmals eine oder mehrere Regionen erobern könnten.

Für den Fall, dass ihr dies nicht gelingen sollte, hat sich Marine Le Pen ebenfalls schon eine Sprachregelung zurechtgelegt. Falls der Front National in sämtlichen 13 Regionen am Sonntag den Kürzeren ziehen sollte, würden die Anhänger ihrer Partei bei den kommenden Präsidentschaftswahlen „Rache“ üben, erklärte sie in einem Interview mit der Zeitung „Le Figaro“.
In der ersten Runde der Regionalwahl lag der FN noch mit rund 28 Prozent vor allen übrigen Parteien und erreichte damit das beste Ergebnis in der Parteiengeschichte. In sechs Regionen lag der FN vorne. Dass der Front National dennoch am Sonntag in keiner einzigen Region zum Zuge kommen könnte, hängt mit einer Besonderheit des französischen Wahlsystems zusammen: In aller Regel ist die Beteiligung beim zweiten Wahlgang höher. Dort scheiden dann Splitterparteien aus.

Damit konzentriert sich das Rennen auf die großen Parteien – den FN, die Republikaner und die Sozialisten. Die Anhänger der beiden letztgenannten Parteien machen dann häufig von der Möglichkeiten Gebrauch, mit einem taktischen Stimmverhalten den FN-Kandidaten zu Weg zu verbauen – ähnlich wie bei der Präsidentschaftswahl 2002.

Marine Le Pen liegt in Umfragen hinter konservativem Gegenkandidaten

So lag in der Provence, den Alpen und der Côte d’Azur der konservative Kandidat Christian Estrosi nach dem Rückzug der Sozialisten in der Region laut letzten Umfragen knapp mit zwei Prozentpunkten vor dem Jungstar des FN, der 26-jährigen Marion Maréchal-Le Pen. Ein knappes Rennen zeichnete sich auch in der Region des „Großen Ostens“ und in Bourgogne-Franche-Comté ab. In Nord-Pas-de-Calais-Picardie lag Marine Le Pen indes laut Umfragen sechs Prozentpunkte hinter dem konservativen Gegenkandidaten, dem früheren Minister Xavier Bertrand.

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