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Reich an Öl und bitterarm : Südsudan feiert seine Unabhängigkeit

Der Südsudan ist unabhängig – jetzt gilt es Analphabetismus und Müttersterblichkeit zu bekämpfen. Einen echten Anreiz zur Eile haben die neuen Machthaber aber nicht.

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Jubel und Freudentränen in Juba: Mit der Unabhängigkeitserklärung des Südsudans beginnt in Afrika eine neue Zeitrechnung. Was sie bringt, weiß noch niemand.Alle Bilder anzeigen
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09.07.2011 13:31Jubel und Freudentränen in Juba: Mit der Unabhängigkeitserklärung des Südsudans beginnt in Afrika eine neue Zeitrechnung. Was sie...

JubaDie Welt hat einen neuen Staat: Der Südsudan hat sich offiziell vom Norden des Landes abgespalten und eine eigene Republik ausgerufen. Parlamentspräsident James Wani Igga verlas am Samstag bei einem Festakt in der Hauptstadt Juba die Unabhängigkeitserklärung. Unter dem Jubel Tausender Menschen wurde danach die sudanesische Fahne eingeholt und die Flagge des Südsudans gehisst. Anschließend unterzeichnete der neue Präsident Salva Kiir die Übergangsverfassung.

An der Unabhängigkeitsfeier nahm - neben Staatsoberhäuptern und Würdenträgern aus aller Welt - auch der sudanesische Präsident Omar al-Baschir teil, der wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. Der Nordsudan hatte die Unabhängigkeit des Südens am Freitag offiziell erst im letzten Moment anerkannt. Auch Deutschland nimmt sofort diplomatische Beziehungen zum Südsudan auf.

Im ganzen Südsudan herrschte am Samstag Feierstimmung. Seit den frühen Morgenstunden zogen Tausende Menschen trommelnd und singend durch die Straßen Jubas und schwenkten ihre vielfarbige Flagge. Überall wurden christliche und muslimische Gebete gesprochen und Lieder angestimmt. Der christlich geprägte Südsudan wurde mit seiner Loslösung vom vorwiegend muslimischen Norden zum 54. Staat Afrikas.

Am Tag seiner Geburt wird sich der Südsudan mit der weltweit höchsten Müttersterblichkeit und einer Analphabetenrate unter Frauen von über 80 Prozent am untersten Ende der Entwicklungsskala befinden. Darauf wies UN-Generalsekretär Ban Ki Moon einen Tag vor der Unabhängigkeit des Südsudan in einer Erklärung in New York hin. Um solche Herausforderungen zu meistern, müsse der neue Staat Partnerschaften mit dem Norden, den Nachbarländern und der eigenen Bevölkerung eingehen.

Ban wollte am Freitag in den Südsudan reisen, um am Samstag mit weiteren UN-Vertretern an der Unabhängigkeitszeremonie teilzunehmen. „Für die mehr als acht Millionen Südsudanesen wird es ein bedeutender und emotionaler Tag werden“, sagte Ban. Der Countdown läuft seit Wochen: In Juba, der jüngsten Hauptstadt der Welt, zählt eine Uhr die Tage und Stunden bis zum Unabhängigkeitstag herunter. Dann wird der Südsudan zum 54. Staat Afrikas und löst sich offiziell vom sudanesischen Zentralstaat im Norden und der dortigen Regierung in Khartum. Mehr als 95 Prozent der vier Millionen wahlberechtigten Südsudanesen hatten zu Jahresbeginn in einem Referendum für die Unabhängigkeit der ölreichen, aber ansonsten bitterarmen Region votiert.

Bisher hat es eine einzige größere Privatinvestition gegeben: Der südafrikanische Biergigant SAB Miller hat vor zwei Jahren rund 45 Millionen US-Dollar in eine neue Brauerei gesteckt, die für die Bierherstellung mehr Strom verbraucht als ganz Juba für seine 750 000 Menschen. Auch der Verkehr hat stark zugenommen. Allerdings sind die meisten Straßen noch immer ungeteert und versumpfen bei Regen schnell. Und trotz des vom Ölreichtum geschürten Baubooms leben die meisten Menschen noch immer in traditionellen Lehmhütten mit Strohdach.

Mit der Unabhängigkeit des neuen Staates kämpfen die einstigen Rebellen der SPLM nun auch nicht mehr gegen das arabische Regime im Norden – sondern gegen die Löcher in den Straßen und den eklatanten Mangel an Strom und Wasser. Es ist ein ungleich schwierigerer Kampf: Wie so oft in Afrika endet der „Neue Sudan“, den seine Politiker den Menschen versprochen haben, gleich hinter dem modernen Regierungsviertel mit seinen geteerten Straßen im Herzen der Hauptstadt. Das meiste Geld ist in den Aufbau Jubas geflossen und der Rest des Landes ist darüber vergessen worden.

Die vielen Hilfsorganisationen aus aller Welt klagen über das von der neuen Regierung eingeschlagene Schneckentempo. Einen echten Anreiz zur Eile haben die neuen Machthaber aber auch nicht: Die Hilfe aus dem Ausland scheint für den Süden so sicher einzutreffen wie die Regenzeit. Fast 20 Jahre lang haben die Vereinten Nationen den Südsudan während des Bürgerkriegs durchgefüttert – eine Gegend, die zu den fruchtbarsten in Afrika zählt. Die Landwirtschaft scheint den früheren Rebellen jedenfalls nicht am Herzen zu liegen. Immerhin hat der Süden in den letzten fünf Jahren rund sechs Milliarden US-Dollar vom Norden aus den zur jeweils zur Hälfte geteilten Öleinnahmen erhalten. Dabei liegen rund 80 Prozent der gesamtsudanesischen Ölvorkommen im neuen Staat. Die (bisherige) Teilung der Einnahmen erklärt sich damit, dass die Pipelines alle durch den Norden laufen – in die Hafenstadt Port Sudan. Bereits jetzt gibt es heftigen Streit über den künftigen Verteilungsschlüssel für die Ölgelder, die sowohl für den Norden wie den Süden überlebenswichtig sind.

Neben dem Streit ums Öl gibt es weitere Hürden: Erst im Mai besetzte Khartum die umstrittene Region Abyei im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südsudan. Dann ließ Khartum Wohngebiete in dem eigenen Gliedstaat Südkordofan bombardieren, obwohl dessen Zugehörigkeit zum Norden vertraglich garantiert ist. Schon jetzt droht der Ölreichtum auch im Süden die Sitten zu verderben – die Korruption steigt. Eignung und Erfahrung spielen bei der Postenvergabe kaum eine Rolle. Einziges Einstellungskriterium in der Verwaltung sind oft die familiäre Bande zu einem der Führer der regierenden SPLM. Und schließlich fehlen im neuen Staat die benötigten Fachkräfte. Die meisten Menschen hier kennen nur den Kampf mit der Waffe.

John Garang hatte genau davor gewarnt. Der vor sechs Jahren umgekommene Führer der Südsudanesen hatte große Visionen für den neuen Staat, aber auch Ängste. „Jedes einzelne Wort des Friedensabkommens mit dem Norden muss in die Tat umgesetzt werden“, steht auf einer Betonplatte an seinem Grab. Das „Licht der Hoffnung“ solle die Welt daran erinnern. Doch der Hass auf den arabischen Norden wird künftig nicht reichen, um die vielen Völker des Südens zu vereinen. Sie müssen zeigen, dass sie nicht nur kämpfen, sondern auch bauen können. (mit dpa)

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