Politik : Reine Gewohnheit

NAME

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Es ist dies eine in langen evolutionären Prozessen eingeschliffene Verhaltensweise, die sich im Kampf ums Überleben verschiedentlich als positiv erwiesen hat. Schon der Neandertaler hat zum Beispiel spitzgekriegt, dass erst lange Übung den Meister macht, weshalb Vormenschen mit zwei linken Pranken gar nicht erst in der Kunst dilettiert haben, Pfeilspitzen selbst herzustellen, sondern die fachgerechte Feuersteinklopferei gleich den Experten überlassen haben. Andererseits kann allzu eingeschliffene Gewohnheit sich auch als Nachteil erweisen. Das hat der Neandertaler ebenfalls bereits erfahren müssen: Hatte der Höhlenbär ausbaldowert, dass seine präsumptive Beute abends immer auf dem gleichen Weg nach Hause trottete, musste er sich nur noch an unübersichtlicher Stelle hinter einen Baum stellen und warten.

Bis heute ist die Gewohnheit eine zwiespältige Sache geblieben. Uns, die wir schon ein bisschen länger hinter den Linden tätig sind, rutscht zum Beispiel in Momenten verminderter Aufmerksamkeit immer noch hinter dem Wort „Bundeskanzler“ ein „Helmut“ in die Tastatur. Wir bringen daher auch ein gewisses professionelles Mitgefühl für Ludwig Stiegler auf. Der war lange Vize-Vorsitzender der SPD-Fraktion unter Peter Struck, ist nun aber seit kurzem selbst der Chef. Gerade hat Stiegler seinen Abgeordneten zwei Briefe geschrieben, in denen er davon abrät, auf Fragen von „Bild“-Zeitung und ZDF nach dem Umgang mit Bonus-Meilen und steuerfreier Kostenpauschale einzugehen. Der letzte Satz in beiden Schreiben aber lautet: „Diese Position ist mit Peter Struck abgestimmt.“ Der Mensch, wie gesagt, ist ein Gewohnheitstier. Robert Birnbaum

0 Kommentare

Neuester Kommentar