Ärzte sind verunsichert und fordern eine schnelle Entscheidung.

Seite 2 von 2
Religiöse Beschneidung : Gesucht: Ein Gesetz, das es allen recht macht
von


Antje Yael Deusel, studierte Urologie-Ärztin und seit drei Wochen auch Rabbinerin der Bamberger jüdischen Gemeinde, hofft dagegen auf eine gesetzliche Regelung, nicht sofort und im Hauruckverfahren, „aber auch nicht erst in zehn Jahren“. Ohnehin sind Juden vom Kölner Urteil unmittelbarer betroffen. Bei ihnen ist die Beschneidung männlicher Säuglinge bis zum achten Lebenstag vorgeschrieben, während es für Muslime keine klare Altersgrenze gibt und die Kinder in der Regel keine Kleinkinder mehr sind, wenn sie beschnitten werden. Deusel leidet wie ihre Kollegen im Krankenhaus darunter, dass es zurzeit „überhaupt keine Rechtssicherheit“ gebe. Die Berufsverbände der Ärzte rieten seit dem Kölner Urteil von religiös motivierten Beschneidungen ab, aber auch bei allen anderen zu äußerster Vorsicht. „Wir müssen im Augenblick alle wegschicken“, sagt Deusel. Darunter seien auch kleine Jungen, bei denen eine Beschneidung medizinisch zwar positiv wäre, aber nicht zwingend nötig – obwohl sie sich später zu einem absolut notwendigen Eingriff auswachsen könne.

Die Debatte um das Beschneidungsurteil in Bildern:

Die Debatte um das Beschneidungsurteil
Am 07. Mai 2012 fällte das Landgericht in Köln ein folgenschweres Urteil: Es wertete die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung. Der ausführende Arzt wurde zwar nicht verurteilt. Unter Juden und Muslimen herrscht seither aber Unsicherheit. Wer Beschneidungen durchführt macht sich nämlich dem Urteil zufolge im Prinzip strafbar. Es entspann sich eine Debatte über die Grenzen der Religionsfreiheit.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dpa
30.07.2012 15:37Am 07. Mai 2012 fällte das Landgericht in Köln ein folgenschweres Urteil: Es wertete die Beschneidung eines muslimischen Jungen...

Wenn in einem Gesetz dagegen eine medizinische Ausbildung für den Eingriff vorgeschrieben würde, „dagegen haben wir gar nichts“, sagt Deusel. Schon jetzt seien auch Beschneider, die nicht approbierte Ärzte seien, gut ausgebildet und durch tausende Eingriffe erfahren. Von der theologischen Seite aus sieht sie wenig Spielraum: Es gehe hier nicht um ein Ritual, das man durch andere symbolische Handlungen ersetzen könne, sagt Deusel, die über das Thema die Abschlussarbeit ihrer Rabbinerausbildung geschrieben hat. Es gehe um das Ergebnis, das „Beschnittensein“.

Und da gibt es auch keinen Rabatt in Zentimetern entfernter Vorhaut. Als Ärztin hält Deusel wegen des unschönen Ergebnisses wenig von Teilbeschneidungen. Als Theologin weist sie die These zurück, die vollständige Zirkumzision sei nicht biblisch begründet und eine Entwicklung erst der letzten Jahrhunderte: „Es wurde schon immer vollständig entfernt.“

Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

Autor

181 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben