Religionsdebatte : TU-Forscher: Islamkritik ist Hysterie

Der Berliner Antisemitismusexperte Benz nimmt Abschied. In seiner letzten Vorlesung greift er die aktuelle Religionsdebatte auf - und warnt vor überzogener Kritik am Islam.

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Wolfgang Benz
Wolfgang BenzFoto: TU-Presse/Ulrich Dahl

Berlin - Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz warnt vor einer überzogenen Islamkritik, die „Intoleranz gegen alle Muslime“ propagiere und ihrer Religion eine aggressive Grundhaltung unterstelle. „Die Hysterie, die sich ,Islamkritik’ nennt, hat auch Publizisten, Wissenschaftler und Politiker ergriffen“, sagte Benz am Donnerstagabend an der Technischen Universität Berlin (TU). Der scheidende Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) hielt dort seine Abschiedsvorlesung – in Anwesenheit prominenter Vertreter aus Politik und Gesellschaft wie der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse (SPD).

Mit gesellschaftlichen Konflikten durch Migrationsprozesse, mit der Ausgrenzung von Minderheiten und Xenophobie begründete Benz die Etablierung einer „umfassenden Vorurteilsforschung“ am Zentrum für Antisemitismusforschung. Der 69-jährige Zeithistoriker hat das Forschungsspektrum des 1982 gegründeten Zentrums ausgeweitet, neben der Judenfeindschaft werden auch Ressentiments etwa gegen Sinti und Roma, Ausländerhass und Islamophobie untersucht. Dafür haben ihn vor allem islamkritische Publizisten scharf angegriffen. Sie werfen Benz vor, durch den Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie den Holocaust zu verharmlosen und damit den exzellenten Ruf des seit 20 Jahren von ihm geleiteten ZfA zu gefährden.

Die Bedeutung der Juden und der Judenfeindschaft werde nicht gemindert, wenn sich die Antisemitismusforschung anderer Minderheiten annehme, sagte Benz. Wolfgang Thierse verteidigte das Projekt einer allgemeinen Vorurteilsforschung. „Die Diskussion in diesen Wochen bietet genügend Stoff“, sagte Thierse mit Blick auf aktuelle Debatten über Integration und Islam sowie auf Warnungen vor Überfremdung. Es gelte immer wieder, „den Anfängen zu wehren“, deshalb müsse zur historischen Forschung auch die Aufklärung in der Gegenwart treten. Charlotte Knobloch würdigte Benz als auch politisch engagierten Kämpfer und Mahner gegen den Antisemitismus. Er sei diesem „Gespenst, das am Stammtisch sitzt oder im Fünf-Sterne-Restaurant diniert“, seit Jahrzehnten auf den Fersen. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, dankte Benz dafür, verstärkt die Ursachen und Folgen des Antiziganismus zu bearbeiten. Damit habe er ein Gegengewicht zu rassistischen Denkmustern geschaffen, die Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Deutschland lange beherrscht hätten.

Der ehemalige Gesandte Israels in Berlin und heutige Vatikan-Botschafter, Mordechay Lewy, machte einen Vorschlag zur Integration von Muslimen in Deutschland: Jüdische Gemeinden sollten auf muslimische zugehen, sie etwa bei ihrer „berechtigten Forderung nach Baugenehmigungen für Moscheen“ unterstützen, gleichzeitig aber für Gottesdienste in deutscher Sprache werben. Dies könnte auch ein Beitrag zur „Integration von antisemitisch aufgehetzten Jugendlichen“ sein, sagte Lewy.

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