Politik : Renate Künast im Gespräch: "Der blaue Engel fürs Kotelett - iiih!"

Sie sind die beliebteste Politikerin Deutschlands.

Sie sind die beliebteste Politikerin Deutschlands. Ist das ein Fluch oder eine Freude?

Agrarministerin zu sein ist eine Heidenarbeit, mehr als ich gedacht habe. So einen extremen Stress habe ich zumindest bisher noch nicht erlebt. Das wichtigste ist mir dabei aber, dass es einen emotionalen Bezug zu dem Thema gibt. Sie können hinfassen, wo sie wollen, es gibt immer einen grünen Faden. Das meine ich für mich als Person wie auch für grüne Politik. Und die Beliebtheit: Ich habe die Befürchtung, dass einem das am Ende eher ein Klotz am Bein ist.

Weil der Erwartungsdruck zu hoch ist?

Die Fallhöhe verändert sich. Und je mehr Leute einen auf der Straße ansprechen und sagen: Sie machen das gut. Oder: Kämpfen Sie! Desto mehr erlebt man eine persönliche Verantwortung. Davon muss ich hin und wieder Abstand gewinnen. Man muss einen klaren Kopf behalten und den grünen Faden sehen. Deshalb versuche ich auch manchmal nüchtern zu wirken.

Stimmt denn das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Ihnen macht?

Das bin ich schon. Es gibt offensichtlich eine Vorstellung von mir, dass ich beharrlich bin und für lange Zeit an einem Thema dranbleiben kann. Das wird auch wahrgenommen als: Hoppla, da bin ich und mache einen frechen Satz. Wobei ich glaube, dass ich viele Sätze normal spreche. Nur weil sie in einem bestimmten Umfeld noch nicht gesagt worden sind, wirken sie so. Natürlich sind im Agrarrat der Europäischen Union von mir Sätze gefallen, die sonst kein Land formuliert. Zumindest keines, das dort mit zehn Stimmen sitzt und zwei Drittel des EU-Landwirtschaftsetats finanziert. Andererseits sind das Selbstverständlichkeiten. Ich glaube, dass mir die Leute draußen abnehmen, dass ich Dinge authentisch sage. Das sind keine auswendig gelernten Sätze, da ist eine politische Emotion.

Sie versuchen, die irrationalen Erwartungen mit Worten wie kühl oder rational wegzureden. Zum Beispiel die Erwartung, aus diesen beiden schrecklichen Seuchen gerettet zu werden. Warum wundern Sie sich eigentlich über die Emotion? Ohne dieses Gefühl wären Sie heute noch Parteivorsitzende!

Ich will das gar nicht wegreden. Das ist meine Art, sachorientiert und in kleinen Häppchen mit Dingen umzugehen. Wenn man Gefühle anspricht, sehe ich schon, dass Menschen schnell darauf anspringen. So wie sie sagen: Diese Frau könnte die Rettung sein. So springen sie jetzt auf die Emotion, Impfen kann die Rettung sein. Es kommen ungeheuer viele Fragen bei uns an, per e-mail, per Post, per Telefon: Warum impft Ihr nicht? Diese Fragen zeigen, dass die Menschen in einer Art Heilserwartung glauben, dass es diese Lösung gibt. Sie sehen nicht, dass der gesamte Bereich der Agrar- und Seuchenpolitik schlimmer ist als der Gordische Knoten, ein verwickeltes Etwas. Er lässt sich nicht mit einem Schwertstreich durchschlagen. Ich erlebe, dass es da auch negative Gefühle mir gegenüber gibt, wenn ich versuche, zur Sachlichkeit zurückzukehren.

Im Moment ist das Impfen fast noch populärer als Sie.

Lustig gefragt. Ja. Dem Eindruck kann ich mich eigentlich auch nicht verschließen.

Was haben Sie bei der Vermittlung falsch gemacht? Warum wurde Ihre Position unklar?

Ich glaube nicht, dass meine Position unklar war. Aber ich habe mich nicht von der Emotion mitreißen lassen, sondern habe gesagt: Lasst uns versuchen, das in Ruhe zu managen. Ich hätte von Anfang an viel stärker erklären müssen, wo das Problem liegt. Die meisten haben sich das Impfen unter Laborbedingungen vorgestellt wie bei der Grippeimpfung. Ich impfe, also gibt es keine Grippe. Das ist aber nicht so. Und was sind die weiteren Folgen? Das hätten wir offensiver vertreten müssen.

Aber ist das Impfen nicht ohnehin verboten?

Jetzt argumentieren Sie wie die Bundesverbraucherschutzministerin Künast. Jetzt müsste ich mich auf Sie stürzen und sagen: Wie können Sie so brutal da rangehen? Das Einzige, was wir tun konnten, war eine Debatte in der EU darüber anzufangen, ob man die Ausnahmefälle einer erlaubten Impfung ausweiten kann. Das hören die Leute aber auch nicht gern. Das entspricht nicht dem zuerst ausgesprochenen Gefühl: Hier ist ein Impfstoff, warum benutzen wir ihn nicht? Eine vorbeugende Impfung hätte Handelsbeschränkungen zur Folge. Und das Internationale Seuchenamt in Paris gibt nicht vorher bekannt, wie die aussehen. Die anderen Mitgliedsstaaten der EU haben kein Interesse daran, zu impfen. Nicht einmal die Bundesländer wollen alle wirtschaftlichen Sanktionen in Kauf nehmen. Wir haben aber trotzdem etwas erreicht. Bei einer Not- oder Ringimpfung, falls sie denn nötig wird, darf zumindest Rindfleisch regional vermarktet werden.

Trotzdem wird weiterhin nicht geimpft?

Wenn es einen grenznahen MKS-Fall in den Niederlanden gibt, können wir in diesem Umkreis impfen. Doch auch dabei haben wir ein Problem. Wir haben dort eine derartige Viehdichte, dass so viel regional gar nicht vermarktet werden kann. Wir könnten nur versuchen, die Region möglichst groß zu ziehen. Aber dann habe ich schon wieder die Negativkarte gezogen, weil Bundesländer wie Bayern oder Hessen, wo die Ministerpräsidenten Edmund Stoiber oder Roland Koch jetzt unbedingt impfen wollen, bestimmt sagen werden, dieses Fleisch wollen wir nicht. Schließlich leben die Bauern davon, dass sie ihre Tiere vermarkten. Ich komme mir manchmal vor wie so eine Mutter, die das alles zusammenhalten muss.

Reicht das?

Wir müssen auch die Agrarpolitik so verändern, dass wir nicht zur Verbreitung von Seuchen beitragen. Das heißt: Tiertransporte müssen zeitlich begrenzt werden. EU-Verbraucherkommissar David Byrne hat zugesagt, dass er bald einen Vorschlag vorlegt. Mein Traum wäre, wenn am Ende eine Transportzeit von acht Stunden stünde. Die Grünen wollen vier, aber die acht Stunden sind zumindest nicht ausgeschlossen. Es darf sich nicht mehr lohnen, Tiere über lange Strecken zu transportieren.

Vielleicht könnte Ihre Partei ein paar Tiertransporte blockieren.

Weil wir beim Blockieren so geübt sind? Das ist eine gute Idee für die Partei. Zum Teil lässt sich das Transportproblem sogar national lösen. Beispielsweise über ein Siegel. Das geplante konventionelle Siegel darf nicht einfach nur vergeben werden, weil ein Bauer die Gesetze einhält. Es muss Kriterien geben, die darüber hinausgehen. Und es muss ein Anreiz dabei sein, besser zu werden.

Also der Blaue Engel fürs Kotelett?

Der Blaue Engel fürs Kotelett - iiih. Aber sowas wie der Blaue Engel ist gut, weil er ein Zwei-Stufen-System hat. Ein Anreizsystem, den Standard höher zu setzen. Der Staat gibt die Kriterien vor, und die Umsetzung ist privat. Das ist ein mögliches Modell.

Glauben Sie, dass der ökologisch orientierte ernährungsbewusste normale Grünwähler Fleisch essen würde, das von Tieren stammt, die gegen MKS geimpft wurden?

Das Problem kann ich nicht auch noch lösen. Aber das ist die schönste Frage, die Sie mir stellen können. Weil das zeigt, wie ungeheuer kompliziert dieses Problem mit dem Impfen ist. Weil Leute voller Mitleid fordern, das muss gegessen werden. Aber sie lassen Gabel und Messer liegen, kreuzen die Arme vor der Brust und verweigern sich: Dieses Kotelett esse ich nicht. Das zeigt aber auch, warum Sie das mit dem Impfen nicht über Nacht regeln können.

Haben Sie eigentlich damit gerechnet, dass nichts sofort möglich ist?

Ich habe gewusst, dass Agrarpolitik ein großer Knoten ist. Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich ein so ausgefeiltes System entwickelt. Da war mir klar, das kriegen wir nicht sofort hin. Ich habe mir vielleicht vorgestellt, dass die Debatte auf EU-Ebene nicht so ewige Jahre dauert. Da bin ich ungeduldig. Aber dann überlege ich mir, wen kann man noch animieren, Druck zu machen. Zum Beispiel das Europäische Parlament, das ja jetzt bei der Impfdiskussion auch ganz hilfreich war. Bündnisse schmieden, Gemeinsamkeiten suchen. Ziel ist, dass die Bauern eines Tages ohne Subventionen überleben können.

Erleben Sie das noch - in Ihrem Leben, nicht in Ihrer Amtszeit?

Ich glaube, dass es ein paar große Schritte geben wird. Bei der Halbzeitbilanz der Agenda 2000 wird geguckt, ob die Finanzmittel der EU bis 2006 richtig verteilt sind. Auf der Basis der Diskussionen, die jetzt laufen, von einer größer werdenden Gruppe von Ministern im Agrarrat, wird auch Bewegung ausgehen. Dann kommt die Osterweiterung. Eines ist klar: Es wird nicht mehr Geld geben. Und es muss Gleichheit für alle Mitgliedsländer geben. Danach ist noch nicht alles reformiert. Aber das sind drei wichtige Stellschrauben für eine andere Agrarpolitik.

Geht das schneller als der Atomausstieg?

Die Übergänge sind fließender.

Sie können nur kleine Schritte gehen, sagen Sie. Aber Ihre derzeitige Macht beruht ja auf der Emotion der Verbraucher, die vergänglich ist. Spüren Sie schon, dass die alte Gleichgültigkeit zurückkehrt?

Ich sehe natürlich, dass die Leute in den Umfragen sagen, dass sie sich durch BSE weniger negativ beeinflusst fühlen. Aber das hilft nichts. Wir können nicht mal eben ein Öko-Siegel entwickeln, wenn es nicht mitgetragen wird. Es müssen auch diejenigen mitziehen, die in einem anderen Tempo denken. Da komme ich nicht darum herum, einen längeren Atem zu haben, als die Verbraucher im Augenblick. Wir müssen das Thema in der Öffentlichkeit halten. Aber das lässt sich nicht auf dieser außerordentlichen Ebene halten wie seit Beginn der BSE-Krise in Deutschland. Und das ist vielleicht auch besser so.

Wenn diese beiden Seuchen über die deutschen Bauern hinweggefegt sind ...

und über mich ...

sind dann noch genügend Bauern übrig, die an der Agrarwende mitwirken können?

Wir müssen den Bauern Perspektiven bieten und sie motivieren, Bauern zu bleiben. Deshalb ist es wichtig, dass diejenigen, die umstellungswillig sind, schnell merken, dass Bund und Länder an einem Strang ziehen.

Glauben Sie, dass sich die Einstellung zum Tier in den vergangenen sechs Monaten in Deutschland grundlegend verändert hat?

Ich glaube schon, dass das eine breite Basis hat. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass der Tierschutz schon immer einen hohen Stellenwert hatte. Die Leute haben ein Herz für Wale oder Störche. Damit lässt sich auch Geld sammeln. Es hat diese Tierliebe immer schon gegeben. Ich glaube, dass die Basis halten wird, und dass die Leute in ihrem Alltag und in ihren Essgewohnheiten viel empfänglicher dafür sein werden.

Was essen Sie zu Ostern?

Lamm und Zander.

Wir wünschen Ihnen einen guten Appetit.

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