Politik : Renate Künast: In Sandalen auf Trittins Spuren

Ulrike Fokken

"Willkommen auf unserer Agrarfabrik", begrüßt Heidrun Busse Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Busse, Mitbesitzerin von 66 Milchkühen, 150 Hektar Land, etlichen Schweinen und Hühnern, hat keine Angst vor klaren Worten. "Ich habe mich so über die Agrarfabriken geärgert", sagt Busse, auch noch Monate nach dem Kanzlerwort. Da musste es raus, wenn sie schon mal ein Regierungsmitglied sieht. Und es nützte Künast auch nichts, dass sie es schließlich nicht gesagt hatte. "Sie hat es auch nicht zurückgenommen", sagt Busse.

Renate Künast, Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, fährt übers Land. Das kann heikel werden, vor allem, wenn sie ins Wendland fährt, wo die Widerständler gegen das Atommüllager Gorleben die Parteioberen der Grünen erst vor wenigen Wochen ausgepfiffen haben. Ein Protestschild - "Trittin: Aussteigen" - lehnt noch in der Scheune. Künast hat es leichter als Umweltminister Jürgen Trittin. Die Bauern - ob öko oder nicht - vertrauen ihr. "Sie gibt der Agrarpolitik einen Schub", sagt Werner Seide, als Vorsitzender des Landvolks. Er weiß noch nicht genau, wohin der Schub geht, und ist skeptisch, ob genügend Verbraucher tatsächlich Ökoprodukte kaufen werden. Aber Künast ist doch weniger ideologisch verbohrt, als er dachte. "Und die kennt sich auch ganz gut aus", sagt Seide.

Geradezu "raffiniert" findet er das Ökosiegel, das Künast einführen will. Damit gebe sie vielen Landwirten die Chance, einen Teil ihres Hofes auf öko umzustellen. Vielleicht machen Busses da auch mit. Dabei wirtschaften sie in den wendländischen Elbauen schon fast vorbildlich. Das Vieh steht auf Stroh und nicht auf Spaltenböden, darf drinnen und draußen nach Belieben herumlaufen und bekommt in der Saison zweimal am Tag frisches Gras von den Elbwiesen. Die mähen die Busses auch nicht irgendwann, sondern so wie sie es mit den Naturschützern vom Naturschutzgebiet abgesprochen haben. Vertragsnaturschutz heißt das, und die Busses machen wie die Bauern Brünicke schon seit 15 Jahren mit. Mit Brünickes haben die Busses seit zwei Jahren eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. Auch das ist vorbildlich. Sie wirtschaften gemeinsam, haben ihre Schweine bei Busses und die Kühe bei Brünickes im Stall. "Und jeden zweiten Sonntag hab ich frei", sagt Heidrun Busse. Dann melkt Roswitha Brünicke, die den nächsten Sonntag frei hat.

Als Renate Künast im Januar Landwirtschaftsministerin wurde, hatten Brünickes und Busses Angst, dass nun alles ganz anders wird. "Aber die macht das ja gut", sagt Heidrun Busse.Vor allem für die Milchbauern ist das Ökosiegel attraktiv, denn für sie lohnt sich öko schon seit Monaten: Die Nachfrage nach Biomilch ist kaum zu sättigen. Ein Riesenmarkt ist das, sagen die Bauern im Wendland.

Und was ändert sich für den Bauern, wenn er Milch ökologisch produziert? "Nichts", sagt Jürgen Lehmberg, der seinen Hof seit zwei Jahren umstellt und bald statt der 66 Pfennig für einen Liter 81 Pfennig für die Biomilch bekommt. Er hätte gern auch schon früher den Hof umgestellt, aber niemand wollte die Milch haben. "Momentan ist es aber richtig toll, Biobauer zu sein."

Momentan ist es auch toll, grüne Landwirtschaftsministerin im Wendland zu sein. Die gelben Kreuze der Atomkraftgegner stehen auf jedem dritten Hof, aber niemand spricht Künast auf den Atomausstieg an, wenn sie in Sandalen durch den Kuhstall läuft. "Ich fühle mich verpflichtet", sagt Künast. Dem Atomausstieg und dem Wendland. Und deswegen nimmt sie die Democard der Freien Republik Wendland an, mit der die Bewohner ihren beharrlichen Protest ausdrücken. Künast läuft dort nun unter dem Titel "Würdenträgerin".

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